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„Denn gehen wollte keiner von uns“ Alte Heimat Preßnitz im Erzgebirge - Neue Heimat Lohr a. Main 1946 - 1996
Von Eveline Müller - München
50 Jahre : Zeit zum Nachdenken - zur Erinnerung. Was liegt dazwischen? Kriegsende - Ausweisung (von den Tschechen "Odsun" genannt) - Eingliederung in einen neuen Lebenskreis (Landschaft, Menschen, Mundart).
Das Kriegsende
Ich erlebte es als Elfjährige in meinem Heimatstädtchen Preßnitz im damaligen Sudetenland. Mein Vater war noch nicht aus dem Krieg heimgekehrt. Mit meiner Mutter und meiner vierjährigen Schwester Gerlinde wohnte ich im Elternhaus. Eine Tante hatte mit ihren vier Kindern aus einer Industriestadt Zuflucht bei uns im Gebirge gefunden. Ich spürte, daß sich die Erwachsenen große Sorgen machten. Was wird die Zukunft bringen? Für mich waren die Ereignisse mehr ein interessantes Abenteuer. In den letzten Kriegstagen waren deutsche Soldaten abgekämpft und müde, vor den nachdrängenden Russen fliehend durch unseren Ort gezogen. Bald folgten russische Militärkolonnen, die von uns Kindern neugierig und ängstlich beäugt wurden.
Preßnitz, bis dahin fast ausschließlich von Deutschen bewohnt, bekam nun eine tschechische Verwaltung, die sofort viele Aufrufe, Verordnungen und Verbote verkündete. Der Gemeindediener ging mit seiner Trommel durch Straßen und Gassen und gab mit leiernder Stimme Ge- und Verbote bekannt. Stets folgte der stereotype Satz: "Zuwiderhandlungen werden mit dem Tode bestraft". Wertgegenstände wie Fotoapparate, Schreibmaschinen, Musikinstrumente, Briefmarkensammlungen und so weiter mußten abgeliefert werden. Die Häuser durften während der Sperrstunden von abends bis morgens nicht verlassen werden. Öfters wurde von der tschechischen Miliz nachts an die Haustüren geklopft und eine Personenzählung vorgenommen. Viele Männer wurden von der sogenannten "Revolutionsgarde" in Arbeitslager und Bergwerke gebracht. Alle Deutschen hatten weiße Armbinden mit einem großen schwarzen "N" (Njemec - Deutscher) zu tragen.
Die Vertreibung
Bald folgten die ersten Ausweisungen von Nachbarn. Nur mit den notwendigsten Habseligkeiten wurden sie zur nahen sächsischen Grenze getrieben und in der sowjetischen Besatzungszone ihrem Schicksal überlassen. Von einem geordneten "Menschen - Transfer“ der nach dem Willen der Siegermächte USA (Präsident Truman), UdSSR (Generalissimus Stalin), Großbritannien (Premier Churchill) auf der Konferenz von Potsdam am 2.8.1945 beschlossen wurde und der in „ordnungsgemäßer und humaner Weise" erfolgen sollte, konnte keine Rede sein. Hier handelte es sich vielmehr um die sogenannte "wilde Vertreibung", zu der der tschechische Exilpräsident Benesch bereits im Juli 1944 aus London seine Widerstandsgruppen aufgerufen hatte.
Wir lebten von einem Tag zum anderen in der großen Ungewißheit, ob und wann auch wir an die Reihe kämen und die Heimat verlassen müßten. Meine erwachsenen Verwandten bewegte die Frage, wie sie sich im Falle der Vertreibung eine neue Existenz aufbauen könnten ohne die für Berufsmusiker unentbehrlichen Musikinstrumente, die sie trotz der angedrohten Strafe nicht abgeliefert, sondern versteckt hatten. So schafften meine Mutter, Tanten und Onkel in finsteren Nächten unter Lebensgefahr Geigen, Klarinetten, Saxophone, Akkorden (und Onkel Hans sogar eine große Trommel) durch den winterlichen Erzgebirgswald zu Verwandten jenseits der Grenze.
Mitte Januar 1946 wurde auf internationalen Druck die Vertreibung der deutschen Bevölkerung in organisierte Bahnen gelenkt. Unser Preßnitz entvölkerte sich zusehends. Es mehrten sich die Anzeichen, daß auch wir bald an der Reihe sein würden und den Ausweisungsbefehl vorgezeigt bekämen.
Ende Februar war es soweit: Wir wurden aufgefordert, zusammen mit meiner Tante und deren vier Kindern unser Haus innerhalb von zwei Stunden zu verlassen. Zwanzig Kilogramm Gepäck pro Person durften wir mitnehmen. Das konnten zwei Frauen mit sechs Kindern aber gar nicht ausnützen. Meine Großmutter war kurz vor Weihnachten gestorben und mußte dies nicht mehr erleben. Unsere Haustiere, Ziegen, Hühner, Katzen und unser geliebter Hund Männi mußten im Haus zurückbleiben. Die Türe wurde versiegelt.
Der Transport
Mit unseren Habseligkeiten, verstaut auf Schlitten und in Kinderwagen, hatten wir uns in der Bürgerschule einzufinden. Hier verbrachten wir in unseren ehemaligen Klassenzimmern eine Nacht auf Stroh. Am nächsten Morgen wurden wir in langem Konvoi auf Ochsenkarren bei eisiger Kälte in das etwa zehn Kilometer entfernte Weipert - Neugeschrei gebracht. Es war eine große Tortur für uns, befanden sich doch viele Kleinkinder, Alte und Kranke in diesem Treck.
Nach einigen Tagen Aufenthalt - wiederum in einem Schulgebäude - hieß es sich bereitmachen für den angekündigten Abtransport am anderen Morgen. Wir sollten in die amerikanisch besetzte Zone verfrachtet werden. Noch einmal scharfe Gepäckkontrolle und Leibesvisitation. Dabei wurde bei einem elfjährigen Jungen ein HJ - Fahrtenmesser gefunden. Er kam mit einer saftigen Ohrfeige davon. Auf dem "Transportzettel", den jeder erhielt, standen die persönlichen Daten: Namen, Alter und so weiter. Unter anderem hieß es "wünscht gehen nach?" Hier war "Bayern" eingesetzt. Gefragt hatte uns niemand, denn gehen wollte keiner von uns.
Sammelpunkt war das Bahnhofsgelände. In langer Reihe standen wir mit Koffern, Schachteln, Bündeln und Säcken zwischen meterhohen Schneebergen und warteten, bis wir in den bereitstehenden Zug mit Güterwaggon eingeteilt wurden. Für jeden Waggon wurde ein Verantwortlicher bestimmt. Die Menschen kletterten in die Wagen, das Gepäck wurde in der eiskalten "Behausung" auf dem nackten Boden gestapelt. Der Zug setzte sich in Richtung Grenze in Bewegung. So gut es ging, richteten wir uns für eine lange Fahrt ein. Als Lager- und Schlafplatz diente mir ein Sack voller Hausrat. Wie ich es auch anstellte, immer drückte etwas - auch die menschlichen Bedürfnisse..... Frauen hatten in einer Ecke vor einem Eimer ein Tuch gespannt. Ich beneidete die Männer, die es bei nicht ganz geschlossener Waggontüre leichter hatten.
Als unser Zug endlich zum erstenmal anhielt, lasen wir am Stationsgebäude Wiesau / Oberpfalz. Hier betraten wir bayerischen Boden, wurden verpflegt und bekamen ein weißes Pulver über den Kopf gesträubt - DDT. Nun waren wir "gesundheitlich ohne Beanstandung" in der amerikanischen Besatzungszone angekommen. Wie wir, mußten circa 3,3 Millionen Sudetendeutsche ihre Heimat verlassen. In mehr als tausend Eisenbahnzügen wurden sie außer Landes gebracht. Allein Bayern nahm hiervon 1.026.356 Menschen auf. So wurden wir der "vierte Stamm" Bayerns.
Im zerstörten Würzburg wurde unser Transport auf verschiedene Orte in Unterfranken aufgeteilt. Unser Zielort hieß LOHR AM MAIN. Man sagte uns, es sei ein schönes kleines Städtchen am Fluß vor dem Spessartwald. Natürlich waren wir neugierig darauf. Ein kurzer Aufenthalt in Gemünden. Waggons wurden abgekoppelt. Einheimische trösteten uns mit dem Zuruf: " In einem Vierteljahr seid Ihr alle wieder daheim!" Woher die Leute ihren Optimismus nahmen?
Die Neue Heimat
Endlich gegen Abend kam unser Zug in Lohr an. Offene Lastwagen standen zu unserer Weiterbeförderung bereit. Mich überwältigten die vielen Lichter im Talkessel und an den Berghängen. In meiner Vorstellung waren wir in eine große Stadt gekommen. Man brachte uns in einem Gebäude der Heil- und Pflegeanstalt unter. Am 15. März 1946 erhielt ich die "Resignation of the Military Government of Germany" mit Unterschrift von Captain Kelly, dem Lohrer Stadtkommandanten und mit meinem Daumenabdruck. Dieser Schein mußte stets mitgeführt und auf Verlangen der "M. P." (Military Police) vorgezeigt werden. Dies war regelmäßig beim Passieren des Forstschulgeländes der Fall, das von den Amerikanern besetzt war. Hier habe ich auch den ersten "Schwarzen" gesehen. Schon bald hieß es, wir würden in das ehemalige Kriegsgefangenenlager beim Bahnhof umgesiedelt. Die Frauen und Männer unserer Gruppe mußten es reinigen und bewohnbar machen. Nun hatte unsere Familie wenigstens wieder ein eigenes Zimmer mit einem Kanonenofen. Es bescherte uns Ordnung, Geborgenheit und Familienleben. Kohlen sammelten wir Kinder entlang den Gleisen der Bahnstrecke, wo immer kleinere oder größere Brocken von den Dampfloks verloren wurden. Die Lohrer nannten es "Flüchtlingslager", doch schon damals widersprach ich dieser Bezeichnung, weil sie für uns nicht zutraf. Wir waren keine Flüchtlinge, wie die vor den Russen aus Ostpreußen oder Schlesien geflohenen Menschen. Uns hatte man ein Jahr nach Kriegsende aus der Heimat vertrieben.
Drei Wochen nach unserer Ankunft in Lohr machten sich meine Mutter und meine achtzehnjährige Cousine auf den Weg in die sowjetische Zone, um die bei Verwandten deponierten Musikinstrumente nachzuholen. Ich war in dieser Zeit mit meiner kleinen Schwester unter der Obhut meiner Tante im Lager. Eines Tages erschien im dunklen Barackenkorridor ein hagerer Mann in langem Soldatenmantel. Es war unser Vater! Nach der Wiedersehensfreude war er sehr enttäuscht, weil unsere Mutter nicht da war und wir ihm auch nicht sagen konnten, wann sie zurück sein werde.
Das Überschreiten der Zonengrenze war streng verboten und mit großer Gefahr verbunden. Wir waren in großer Sorge - nicht zu Unrecht, wie sich später herausstellte. Beide, Mutter und Cousine wurden von den Russen "geschnappt" und im GPU - Gefängnis in Sonneberg / Thüringen verhört. Dabei kam ein Saxophon abhanden, das jedoch auf wunderliche Weise zu uns zurückkehrte. Aber das ist eine andere Geschichte. Nach einigen Tagen mit Vernehmungen und Schikanen ließen die Russen die beiden Frauen laufen und wir konnten sie bald darauf wieder in die Arme schließen. Nach vielen Jahren war unsere Familie endlich wieder vollzählig.
Erste Kontakte
Nachdem nun wieder Musikinstrumente zur Verfügung standen und im Lagersaal sogar ein Klavier stand, setzte man sich zusammen und musizierte. Neugier und Interesse trieb natürlich auch die Lohrer ins Lager. Bald sprach es sich herum: Im Lager wird zum Tanz aufgespielt! Lohrer Burschen und Mädchen gesellten sich zu unseren jungen Leuten. Erste Kontakte wurden geknüpft, erste Rendezvous verabredet. Auch junge Lohrer Musiker suchten die Begegnung mit den erfahrenen Berufsmusikern. Unser Heimatort Preßnitz war ja eine weithin bekannte Musikstadt mit eigener Musikschule. Preßnitzer Musiker hatten die ganze Welt bereist und auch mein Vater leitete vor dem Krieg eine eigene Kapelle - heute würde man "Band" sagen. Bald musizierten Lohrer und Preßnitzer gemeinsam und der Lagersaal reichte nicht mehr aus. Es wurde in der Turnhalle bei der Anlage und im Saal der Klosterschule musiziert und getanzt. Auch der bei den Lohrer recht beliebte Captain Kelly kam gern zu diesen Veranstaltungen und tanzte mit den deutschen "Fräuleins".
Aber noch waren für uns wichtige Musikinstrumente drüben im sächsischen Erzgebirge. Alleine hätte mein Vater die beschwerliche und gefährliche Tour noch mehrmals durchstehen müssen. Da boten sich voller Hilfsbereitschaft und Begeisterung für Musik und Abenteuer die beiden Musiker Hans Stripp aus Lohr und Karl Amend aus Ruppertshütten an, meinen Vater zu begleiten. Auf dem Rückweg verloren sie sich beim "schwarzen" Grenzübertritt aus den Augen. Mein Vater kam alleine in Lohr an. Wo sind die beiden anderen geblieben? Was ist ihnen zugestoßen? Nach Tagen sorgenvollen Wartens tauchten Hans und Karl mit den Instrumenten auf und berichteten, daß sie von den russischen Grenzwachen festgehalten worden waren. Nach tagelangen Verhören in einem GPU - Gefängnis durften sie endlich die Heimreise antreten.
Nun sollten die Musikinstrumente gleich am nächsten Wochenende bei einer Tanzveranstaltung in der Turnhalle ausprobiert werden. Der Saal war ausverkauft! Cousine Gloria und ich an der Abendkasse erwarteten gespannt den Beginn der Musik. Doch um 20 Uhr rührte sich nichts. Auf der Bühne wurde diskutiert - offenbar gab es ein Problem. Hans und Karl haben Mützen auf und wollen diese offenbar nicht abnehmen. Nachdem es im Saal schon unruhig wird, gibt mein Vater den Einsatz zum ersten Tanz, um aber sogleich das Stück abbrechen, weil das Publikum lacht und johlt und schier aus dem Häuschen ist. Was war geschehen? Die beiden jungen Männer hatten doch endlich widerstrebend ihre Kopfbedeckungen abgenommen und standen als Glatzköpfe im Rampenlicht. Die Russen hatten sie kahl geschoren! Es wurde ein sehr lustiger Abend.
Die Eingliederung
Mich holte in Lohr die Schule wieder ein. Nach einem Jahr Zwangspause kam ich ins Gymnasium, wo ich meinen Mitschülern gleich durch meine erzgebirgische Mundart auffiel. Besonders bei den Umlauten wurde es deutlich: Der König wurde zum "Keenich", süß zu "siess", schön zu "scheen" und so weiter. So blieben Hänseleien nicht aus, doch mir kam das Löhrerisch auch nicht gerade Hochdeutsch vor.
Ein Lohrer Mädchen wurde meine Freundin, besuchte mich im Lager und lehrte mich Radfahren. Um den aus Gefangenenzeiten immer noch bestehenden Lagerzaun schlichen junge Burschen und machten schüchterne Annäherungsversuche. In der Schule fand ich gute Freundinnen, die mir halfen, in der neuen Heimat Fuß zu fassen. Noch heute bin ich mit Ihnen verbunden. Dass ich schon bald nicht mehr als Fremde angesehen wurde, verdankte ich nicht zuletzt den Lohrer Kanuten, denen ich mich anschloß und für die ich bei Regatten und Kanuslalom einige Siege holen konnte. Ich fühlte mich an- und aufgenommen.
Meine Eltern fanden Anschluß an die Stadtkapelle unter Leitung von Walter Herr. Zusammen mit Nikolaus Fleckenstein (Geige) aus Sackenbach, Emil Weber (Viola), Lohr, meiner Tante Manschi Killmann (Klavier) veranstalteten sie (Vater: Geige, Mutter: Cello) Hausmusikabende in der Turnhalle. Sie wurden Freunde fürs Leben. Besonders ist mir die bei diesen Konzerten als Requisit verwendete Stehlampe in Erinnerung, die Wohnzimmeratmosphäre verbreiten sollte.
Im Saal der Heil- und Pflegeanstalt wurden "Bunte Abende" mit Sketchen, Musikeinlagen, Tanz und Pantomime aufgeführt. Hauptprobe war vor den Patienten und in Anwesenheit der amerikanischen Zensurbehörde. Wenn diese die Vorstellung als "unbedenklich" freigegeben hatte, konnte sie öffentlich stattfinden.
Auch bei der Einweihungsfeier für die wiedererbaute Lohrer Mainbrücke wirkten meine Eltern musikalisch mit. Sie waren vom Lohrer Musikleben nicht mehr wegzudenken. Endlich wurde uns eine kleine Wohnung in Sendelbach zugewiesen. Wie glücklich waren wir, das triste Barackenlager verlassen zu können. Vom Ehepaar Göricke, das uns die Hälfte seiner Wohnung abtreten mußte, wurden wir freundlich und mit viel Verständnis aufgenommen. Auch zu Ihnen entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft.
Inzwischen kündigte sich bei uns Nachwuchs an. Am 6. Oktober 1947 wurde meine kleine Schwester Claudia geboren - eine Lohrerin. Wir haben Wurzeln geschlagen. Meine Cousine und ihre Preßnitzer Freundinnen haben Lohrer Burschen geheiratet. Die Stadt Lohr übernahm am 5. August 1956 die Patenschaft für die ehemalige Königlich Freie Bergstadt Preßnitz und ich heiratete wenige Tage später den Lohrer Hans Müller. Es gibt keine Trennung mehr zwischen Preßnitzer und Lohrer, wir sind eins geworden.
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