Lohr's erste Patenstadt
Preßnitz im Erzgebirge

Aus Preßnitz, das 1939 noch von 2468 Einwohner bewohnt wurde und im erzgebirgischen Sudetenland lag, wurden die deutschen Bewohner 1945/46 von den Tschechen vertrieben. Viele Preßnitzer verschlug es damals nach Lohr und in die nähere Umgebung. Die Kapitulation der Deutschen Wehrmacht, die am 8. Mai 1945 für Deutschland den 2. Weltkrieg beendete war Anlass für die Vertreibung. Die Leiden der Zivilbevölkerung hörten mit der Kapitulation nicht auf, sondern gingen noch weiter. Bereits 1944 setzte die Flucht der Deutschen vor den heranrückenden Roten Armee aus den deutschen Ostgebieten ein. 1945/46 wurden viele Millionen Deutsche aus den östlichen Teilen Deutschlands und den angrenzenden Ländern vertrieben. Der freie Teil Deutschlands nahm 17 Millionen deutsche Flüchtlinge auf. Auch Lohr wurde die neue Heimat von 1785 Deutschen, die ihre angestammte Heimat verlassen mußten. Für 991 Flüchtlinge aus dem Sudetenland, 620 aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße-Linie, 25 aus Österreich, 18 aus Ungarn und 131 aus dem übrigen Ausland wurde Lohr die zweite Heimat.

Lohr übernahm Patenschaft

Nach dem Krieg übernahmen westdeutsche und bayerische Städte und Gemeinden Patenschaften für ganze Landsmannschaften der Vertriebenen und deren Heimatgemeinden, um ihnen eine geistige Heimat zu bieten und Möglichkeiten zu gemeinsamen Treffen zuschaffen. Welchem Lohrer Bürger ist da noch in Erinnerung, daß der Lohrer Stadtrat am 19. Oktober 1955 einstimmig beschloß, die Patenschaft über die sudetendeutsche Kreisstadt und die in Lohr und dem Altlandkreis wohnenden Preßnitzer zu übernehmen? Ein Findling aus Buntsandstein auf dem Lohrer Friedhof soll das Andenken an die Heimat und die Verstorbenen wahren.

[Pressnitz um 1910]

"Verlorene Heimat ist nicht vergessene Heimat"

so lautet die Überschrift der Patenschaftsurkunde, die vom damaligen Bürgermeister Dr. Ignaz Nebel am 5. August 1956 ausgestellt wurde. Der Lohrer Stadtrat verpflichtete sich damals mit dieser Urkunde, "die Patenschaft über die sudetendeutsche Kreisstadt Preßnitz im Erzgebirge zu übernehmen. Im Hinblick auf diesen Beschluß wird die Stadt Lohr a. Main eine Straße der Stadt als Preßnitzer Straße bezeichnen, eine Preßnitzer Ortskartei führen und die jeweils stattfinden Heimattreffen der Preßnitzer tatkräftig unterstützen."

Wo liegt eigentlich Preßnitz

Am Nordabhang des mittleren Erzgebirges, in einer Mulde des Preßnitzbachtales, lag auf 727 Höhenmeter die alte Erzgebirgsstadt Preßnitz in reizvoller Gegend, umgeben von den Kuppen des Haßberges (992 m) und des großen, mittleren und kleinen Spitzbergens (963 m) in unmittelbaren Nähe zum Keilberg (1243 m), der höchsten Erhebung des Erzgebirges. Auf den Höhenrücken lagern die Torfmoore der Totenhaide, der Muthütte, des Orpuser Moores, des Höllenberges und der Kiefernhaide, so beschrieb in den zwanziger Jahres der Fremden-verkehrsprospekt die Gegend.

Der Paß Preßnitz findet erstmals in einer Urkunde von 1143 als "Oppidum" (bedeutet vertei-digbare Siedlung) und als Preßnitz im Jahre 1335 Erwähnung. Der Name stammt aus dem Slawischen und bedeutet nach der Meinung von Heimatforschern "Siedlung der Waldverhauer". Aufgabe der ersten Ansiedler war es, bei Feindesgefahr den durch dichten Urwald führenden Paßweg zu "verhauen", das heißt, durch gefällte Bäume unpassierbar zu machen.

Jahrhundertelang gab dieser Gebirgsübergang den hier lebenden Menschen Brot und Lebensunterhalt. Schmiede, Wagner, Pferdebauern, Säumer, Träger, Fuhrleute und nicht zuletzt Gastwirte fanden guten Verdienst. Doch auch Not und Tod kamen über den alten Handelsweg. Immer wieder geschah es, daß Kriegsheere herüber oder hinüber zogen, wobei es für die Bewohner keinen Unterschied machte, ob sie von fremder oder "eigener" Soldateska ausgeplündert, gebrandschatzt oder erschlagen wurden.

[Pressnitz um 1930]

Preßnitz starb fürs deutsche Fernsehen

Preßnitz lag 20 km nordöstlich des heute bekannten deutschen Wintersportortes Oberwiesenthal an der Bahnlinie von Annaberg-Buchholz in Sachsen nach Komotau in Böhmen. Der Amtssitz des Bezirkshauptmanns und das stattliche Rathaus beherrschten das Bild des großen Marktplatzes, den Bürgerhäuser und das gräflich- Bouquoi'sche Schloß säumten. Daran grenzte der Stadtpark mit Musikpavillon. Das Ortsbild beherrschten die höhergelegene Stadtkirche und die Bürgerschule. Die Stadt oder was davon noch übrig war, wurde am 6. Juni 1973 um 19.27 Uhr gesprengt und die Stadt und das Preßnitztal versank 1976 endgültig in den Fluten eines Stausees, der heute noch den Namen der Stadt trägt. Die neuen Landkarten bezeichnen ihn mit "vodni nádrz Prisecnice". Das makabere an dieser Geschichte ist, daß ein damals bekannter Münchener Regisseur der für das Deutsche Fernsehen Spielfilme produzierte, Johannes Schaaf, für seinen Film die "Traumstadt", das alte Preßnitz mit 700 kg Dynamit in Schutt und Asche legte. Über diese Filmproduktion in Preßnitz berichtete 1973 auch die TV-Zeitschrift "Gong" unter der Überschrift "Ein Dorf fliegt in die Luft".

Nachbargemeinde Weipert

Die ehemalige Preßnitzer Nachbargemeinde und heutiger Grenzort Weipert ist heute für viele Preßnitzer der Anlaufpunkt in ihrer ehemaligen Heimat, auf dessen Friedhof die letzten Verstorbenen in einem Massengrab bestattet wurden und der Heimatverband der Preßnitzer 1992 eines der letzten noch erhaltene Zeugnisse der ehemaligen Bergstadt, das Kriegerdenkmal von 1914/18, als Mahnmal für die Opfer von Flucht und Vertreibung wieder errichten ließ.

[Pressnitz, Marktplatz um 1927]

Aus der Geschichte des Silberbergbaus im Erzgebirge

In der Umgebung von Preßnitz, der ältesten Bergstadt des Erzgebirges, am uralten Grenzpaß gelegen, wurde schon im 10. Jahrhundert der Silberreichtum der Gesteine entdeckt. Von den vielen Silberkörnchen (genannt Bresel), die aus reinem Metall bestanden, also durchwegs brauchbar oder "nütz" gewesen sind, wird der Ausdruck "jedes Bresl ist nütz" hergeleitet. Im Jahre 1342 bestand am Ort schon eine Münzstätte, wo der silberne böhmische Groschen (Bremsinger) geprägt wurde. Kaiser Karl IV. (1346 - 1378) rühmt in seiner Lebensbeschreibung den Silberreichtum der Preßnitzer Gruben. Infolge des immer mehr aufblühenden Bergbaues wurde Preßnitz im Jahre 1420 zum Bergflecken erhoben. Die Hussiten dehnten aber 1429 ihre brandschatzenden Züge bis hinauf ins Erzgebirge aus und zerstörten die Bergwerke und den Ort. Die Stadt wurde bald wieder durch die Grafen Schlick aufgebaut und gelangte rasch zu neuer Blüte.

Königliche Bergstadt

Kaiser Ferdinand I. (1555-1564) erhob den Bergflecken im Jahre 1546 zur königlichen Bergstadt und stattete sie mit vielen Privilegien aus. So konnte Preßnitz u. a. ein Wappen führen und zwei Jahrmärkte abhalten. Das Stadtwappen von 1518 zeigt eine Weide (später eine Fichte) auf einem rotweißroten Wappenschild, den Farben Österreichs, mit den Bergmannszeichen Schlägel und Eisen. Für die letzten hundert Jahre wäre eigentlich eine Harfe das treffendere Symbol gewesen.

Im Jahre 1617 bestätigte Kaiser Matthias (1612 - 1619) Preßnitz als königlich freie Bergstadt. Während des Dreißigjährigen Krieges (1618 - 1648) hatte die Stadt besonders in der zweiten Hälfte desselben viel zu leiden. Auch der Siebenjährige Krieg (1756 - 1763) ging nicht ohne Truppendurchzüge und Brandschatzungen vorüber. Der härteste Schlag aber traf die Stadt am 1. August 1811. An diesem Tage wurde fast die ganze Stadt Opfer eines Brandes. Von 373 Häuser blieben nur 66 verschont.

Verheerender Stadtbrand

Der Stadtbrand von 1811 stellt sogleich auch den Wendepunkt der Preßnitzer Geschichte dar. Der Bergsegen, sprich der Silberbergbau, hatte erheblich nachgelassen und war unwirtschaftlich geworden. Die Menschen mußten einen neuen Broterwerb suchen. Für die Bewohner einer Gebirgsregion nicht ganz einfach. Aber aus der ehemaligen berühmten Bergstadt ist eine nicht minder bekannte Musikerstadt geworden. Als Heimarbeit betrieb die Bevölkerung die Spitzenklöppelei, und die Stadt war auch wegen seiner Spitzenindustrie von Bedeutung.

Bedeutende Musikerstadt

Nach dem Untergang des Silber- und Erzbergbaues schuf sich die Bevölkerung eine neue Einnahmequelle. Während 1860 noch 3470 Menschen in Preßnitz lebten, waren es 1939 nur noch knapp 2500 Einwohner. Die mangelnden Erwerbsmöglichkeiten in dieser kargen Gebirgsgegend mit langen, schneereichen Wintern, kühlen, regenreichen Sommern und dürftigen Erträgen der Felder zwangen viele zur Abwanderung. Die stets sangesfreudigen Erzgebirgsbewohner bildeten sich in der Musik aus und bald entstand ein künstlerisch ernstzunehmendes Musikertum, welches mit seinen Kapellen alle Erdteile bereiste und Ehre und Ansehen fand. Weil ihre kunstbewanderten Mitbürger in alle Welt auszogen erhielt die alte Bergstadt den Ehrennamen "Musikstadt". So spielten viele Preßnitzer in den Kurorchestern der Badestädte, insbesondere im nahen Karlsbad. Zur Heranbildung von guten Musikern wurde 1896 die städtische Musikschule mit Öffentlichkeitsrecht gegründet, welche bis 1945 bestand. Die vom Staat, Land und Bezirk subventionierte Musikschule betreute jährlich 200 Schüler in sechs Jahrgängen, und deren regelmäßige Konzerte, insbesondere die Parkkonzerte in den Sommermonaten lockten viele Musikfreunde in das Städtchen.

[Pressnitz, Reichsdorf]

Bürgerliches Preßnitz

Nach dem verheerenden Stadtbrand von 1811 bauten die Preßnitzer ihre Stadt wieder auf, so auch das herrschaftliche Amtshaus (Schloß), das im Jahre 1530 von Wilhelm von Lobkowitz erbaut und 1533 an die Grafen Schlick verkauft wurde. Diesem Grafengeschlecht wurde die Herrschaft 1547 wegen ihrer Beteiligung am schmalkaldischen Bunde entzogen. Im Rathaus, das um 1550 von einem wohlhabenden Bürger namens Schopf erbaut und der Stadt geschenkt wurde, fielen ebenfalls die wertvollen Schriften und Urkunden sowie das Gebäude beim Stadtbrand dem Feuer zum Opfer. 1815 wurde das Rathaus wieder errichtet und 1873 mit einem Turm geschmückt. Das Schulgebäude beherbergte neben einer vierklassigen Volksschule für Knaben und Mädchen eine vierklassige Bürgerschule für Knaben und Mädchen und die Fortbildungsschule. Die Schulen besaßen eine reichhaltige Lehrmittelsamm-lung. Neben dem Stadtpark hatte Preßnitz ein Stadtmuseum, in dem die Mitbringsel der in alle Welt reisenden Musiker, u. a. aus Afrika und Südostasien, gezeigt wurden.

von Albert Vogel, Lohr a. Main

 

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