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Die Musikerstadt Preßnitz von Eveline und Hans Müller
Ich bin eine Preßnitzerin, doch geboren wurde ich in Reichenberg (Liberec). Genausogut hätte es Wien, Linz oder Karlsbad sein können. Im Paß meines Großvaters Hans Enzmann stand der Geburtsort Sulina, damals zur Türkei gehörend. Meine Tanten kamen in Köln, Leipzig und La Rochelle am Atlantik zur Welt. Alle waren wir Musikerkinder, deren Eltern in Preßnitz zu Hause, aber „mit Musik auf Reisen“ waren. Wegen einer „Lappalie“, als die eine Geburt damals offenbar betrachtet wurde, fuhr die werdende Mutter nicht extra in die Heimat zurück. Sie wurde in der Kapelle gebraucht. Meist war sie die einzige verheiratete Frau in dieser Gemeinschaft, nämlich die Gattin des Kapellmeisters. Ihre vielfältigen Aufgaben ließen eine längere Abwesenheit nicht zu. Überdies durfte sie in der Instrumentalbesetzung nicht lange fehlen. So wollte es der Zufall, daß mein Geburtsort Reichenberg am Fuße des Jeschken wurde.
Ähnlich könnten viele Biographien von Preßnitzer Musikerkindern beginnen. Die in der Fremde Geborenen brachte man möglichst bald den Großeltern „zum Aufziehen" heim. Da es üblicherweise noch keine Altersversicherung gab, war dies für die Großeltern ein willkommenes Zubrot, denn den Kindern folgte ein Strom von Kronen, Mark, Franken und Rubel nach.
Die ehemalige Königlich freie Bergstadt
Preßnitz, die ehemalige Königlich Freie Bergstadt lag, vor ihrer Zerstörung, auf die ich noch zu sprechen komme, auf dem Kamm des zentralen Erzgebirges in einer Höhe von 720 Metern an der uralten Paßstraße von Prag nach Leipzig - Halle, eingebettet zwischen sanft ansteigenden Bergrücken des Spitzbergs und des Haßbergs, beide mit fast tausend Metern Höhe.
Obwohl die Nachbarstadt Weipert mit mehr Einwohnern, einer größeren Ausdehnung und einer bedeutenden Industrie unser Preßnitz längst überflügelt hatte, blieb Preßnitz Mittelpunkt des Landkreises (für mich sogar Mittelpunkt der Welt). Der Amtssitz des Bezirkshauptmanns und das stattliche Rathaus beherrschten das Bild des großen Marktplatzes, den Bürgerhäuser und das gräflich- Bouquoi'sche Schloß säumten. Daran grenzte der Stadtpark mit dem Musikpavillon. Das Ortsbild beherrschten die höhergelegene Stadtkirche und die Bürgerschule.
Einen weiteren Schwerpunkt bildete die Städtische Musikschule. Unser Stadtwappen, das der Stadt von Kaiser Ferdinand I. 1546 verliehen wurde, zeigt eine Weide (später eine Fichte) auf einem rotweißroten Wappenschild, den Farben Österreichs, mit den Bergmannszeichen Schlägel und Eisen. Für die beiden letzten Jahrhunderte wäre aber eine Harfe das treffendere Symbol gewesen.
Während um 1900 noch über 4000 Menschen in Preßnitz lebten, waren es 1939 nur noch knapp 2500 Einwohner. Die mangelnden Erwerbsmöglichkeiten in dieser kargen Gebirgsgegend mit langen, schneereichen Wintern, kühlen, regenreichen Sommern und dürftigen Erträgen der Felder zwangen viele zur Abwanderung.
Der Gebirgspaß von Preßnitz wird erstmals in einer Urkunde von 1144 Erwähnung, das „Oppidum" (Städtchen) Preßnitz selbst aber erst im Jahre 1335 genannt. Der Name stammt aus dem Slawischen und bedeutet nach der Meinung von Heimatforschern „Siedlung der Waldverhauer". Aufgabe der ersten Ansiedler war es, bei Feindesgefahr den durch dichten Urwald führenden Paßweg zu „verhauen", das heißt, durch gefällte Bäume unpassierbar zu machen.
Jahrhundertelang gab dieser Gebirgsübergang den hier lebenden Menschen Brot und Lebensunterhalt. Schmiede, Wagner, Pferdebauern, Säumer, Träger, Fuhrleute und nicht zuletzt Gastwirte fanden guten Verdienst.
Doch auch Not und Tod kamen über den alten Handelsweg. Immer wieder geschah es, daß Kriegsheere herüber oder hinüber zogen, wobei es für die Bewohner keinen Unterschied machte, ob sie von fremder oder "eigener" Soldateska ausgeplündert, gebrandschatzt oder erschlagen wurden.
Schon in grauer Vorzeit spielte in unserem Gebiet vor allem der Eisenbergbau eine Rolle. Überragende Bedeutung gewann er aber erst um 1520 wegen des aufgrund reicher Silberfunde ausgebrochenen „Silberfiebers“. In kurzer Zeit schossen im Erzgebirge neue Bergstädte buchstäblich aus dem Boden. So hatte das benachbarte St. Joachimsthal im Jahr 1516 um 1.000, im Jahr 1533 aber über 18.000, Prag zur gleichen Zeit etwa 30.000 Einwohner.
Die neuen Zechen erforderten einen so hohen Kapitaleinsatz, daß sich die grundbesitzenden Adelsgeschlechter oft finanziell übernahmen. Deshalb wechselte die Herrschaft Preßnitz in dieser Zeit mehrmals die Besitzer. Aufgrund des Raubbaus in den Silberbergwerken und am Wald, der rücksichtslos der zur Verhüttung benötigten Holzkohle geopfert wurde, war nach wenigen Jahren der Hochblüte der wirtschaftliche Niedergang nicht aufzuhalten. Hieran konnten auch die als Anreiz für neue Investoren von König Ferdinand I. verliehenen Privilegien einer Königlich Freien Bergstadt nicht viel ändern. Schließlich brachte der Dreißigjährige Krieg den Bergbau völlig zum Erliegen.
Auch die spätere Wiederaufnahme und Umstellung auf Gebrauchserze wie Eisen, Zinn und Kupfer konnte ihn nie wieder zur Haupterwerbsquelle aller Bewohner werden lassen. So war es lebensnotwendig, andere Einkommensmöglichkeiten zu erschließen: das Spitzenklöppeln, die Waldarbeit, Holzhandel und Fuhrmannsgewerbe. In der Mitte des 18. Jahrhunderts kam die Musik hinzu.
Der Beginn der Musikerstadt
Eine gewisse Musiktradition bestand schon um 1520 in St. Joachimsthal durch die vom Chronisten Matthesius erwähnten Bergmannskapellen, die es sicherlich auch in der benachbarten Bergstadt Preßnitz gab.
Bedeutender aber war die Musikpflege im kirchlichen Bereich. Seit langem wurde in der "Erzengel-Michael-Bruderschaft" Instrumentalmusik und Gesang gepflegt. Bei den "Convivien" (Festessen) nach Meistersingerart wurde auch im gesellschaftlichen Bereich musiziert.
Als Vater des Preßnitzer Musikantentums gilt der wegen seines hervorragenden Harfenspiels als "König David" gerühmte Bürgermeister Ignaz Walter (1776 - 1792 im Amt). Er war Mitglied dieser Bruderschaft, die jedoch wie alle kirchlichen Bruderschaften Österreichs auf Anordnung Kaiser Josefs II. 1784 aufgelöst wurde. Hauptzweck dieser bis ins 14. Jh. zurückreichenden Bruderschaften waren gemeinschaftliche Andachten in der Kirche mit Sprache, Gesang und Instrumenten, in Preßnitz wohl der alten biblischen Harfe. Grundlage war bei zunftmäßiger Organisation der einstige bürgerliche Meistergesang. Daneben gewährte man bei Unfall und Krankheit gegenseitige Hilfe.
Der älteste Beweis dafür, daß in Preßnitz bereits im Jahr 1752 die Harfe bekannt war und gespielt wurde, findet sich auf einer Portrait - Stammbaumplatte des Preßnitzer Porzellanmalers Franz Ferdinand Mayer. Abgebildet ist die Familie des damaligen Amtshauptmannes Anton von Kayser. Die älteste Tochter ist harfespielend dargestellt. Möglicherweise hat die aus der Fremde zugezogene Familie Kayser die Harfe nach Preßnitz mitgebracht.
In den Kirchenmatrikeln werden aber bereits in den Jahren 1755, 56 und 60 "Musiker" verzeichnet, ohne daß jedoch darauf hingewiesen wird, welche Instrumente sie spielten. Der obengenannte Ignaz Walter unterrichtete sein Patenkind Isidor Richter (geb. 1759) im Harfenspiel, dieser wiederum seine Base Elisabeth Haug (1759 -1830). Beide musizierten aber nur zu ihrem Vergnügen. Erst die Schülerin von Elisabeth Haug, Anna Maria Görner (1764 - verschollen um 1806) reiste "beruflich" nach Leipzig und brachte von dort viel Geld zurück. Wegen ihrer gefälligen Lieder zur Harfe nannte man sie die „Singres Annamidl". Verheiratet war sie mit dem Kupferberger Musikus Kornelius Siegl.
Ihr Beispiel und Erfolg reizten auch andere, es ihr gleichzutun, zumal mit Beginn des 19. Jh. große Not über Preßnitz kam. Das Jahr 1805 brachte eine außergewöhnliche Teuerung. Der große Stadtbrand von 1811, bei dem elf Menschen umkamen und der in vier Stunden 307 Häuser einäscherte, machte viele Familien obdach- und brotlos. Schon zwei Jahre darauf biwakierten in und um Preßnitz 100.000 Österreicher, Russen und Preußen auf dem Rückzug von der bei Dresden gegen Napoleon geschlagenen Schlacht. Nutzvieh, Pferde und Fuhrwerke wurden requiriert. Es folgten bis 1815 Mißernten und Hungersnot.
Harfenmädchen und Musikkapellen auf Reisen.
Als Folge dieser Notzeiten trieb es die "Preßnitzer Harfenmädchen" oft schon im Alter von elf oder zwölf Jahren in kleinen Gruppen, begleitet von der Mutter oder einer älteren Verwandten, zu Fuß hinaus in die Welt. Ihre Harfen, gefertigt von Preßnitzer Tischlern, trugen sie in einer Leinwandhülle am Lederriemen über dem Rücken.
Es waren einfache Hakenharfen, bei denen durch blitzschnelles Drehen der Haken während des Spiels die Halbtöne erreicht wurden. Bis in die erste Zeit unseres Jh. spielte und sang man meist nach Gehör.
Die Preßnitzer herrschaftlichen Paßprotokolle von 1834 besagen, daß aus den umliegenden Dörfern sechzehn Harfenmädchen in die Fremde hinausgezogen seien, um mit Hilfe der Harfe für sich und ihre Angehörigen ein besseres und reichlicheres Brot zu verdienen. Manche dieser Mädchen hätten eine große Summe Geldes zurückgebracht und einige hätten sich Häuser und Grundstücke kaufen können.
Der DRESDENER ANZEIGER von 1830 vermeldete: „Heute Abend werden böhmische Harfenmädchen bei mir ein Abendkonzert geben. Um gütigen Besuch bittet Schiefner in Manteuf Brauhause."
Vorwiegend waren es Mädchen und Frauen, die das Preßnitzer "Reisen mit Musik" begründeten. Einige Namen mögen hierfür beispielhaft sein: Elisabeth Enzmann ( 1780 - 1851 ) verheiratet mit dem Musiker Kilian Enzmann aus Dörnsdorf Elisabeth Walter (1795 - 1850) war mit eigener Kutsche in Rußland unterwegs Theresia Tannenberger (um 1800) bereiste den Balkan Josefa Pöschl geb. Walter (1807 -1883) genannt "Die alte Messnerin", unterrichtete ganze Scharen von Mädchen nach dem Gehör in Harfenspiel und Gesang Wilhelmine Zapp (geb. 1841) Pedalharfenistin. Heiratete einen russischen Bankier und starb in Moskau Johanna Panhans (geb. 1841) starb nach 1900 in San Franzisco
Das Karlsbader Polizeimeldeprotokoll von 1799 erwähnt „vier Preßnitzer Musiker, die um Verdienst zu Fuß hierher gekommen". Im Jahre 1813 spielte eine Preßnitzer Kapelle vor Kaisern II. Franz von Österreich, Zar Alexander von Rußland und König Friedrich Wilhelm III. von Preußen, die im Krieg gegen Napoleon in Kaaden Quartier genommen hatten.
Das Reisen organisierter Kapellen begann nach 1830, wobei sich bestimmte Modelle der Orchesterbesetzung entwickelten: 1830 Kapelle Emanuel - Modell 1 erste Geige, 1 zweite Geige mit 5 Personen 2 Gitarren, 1 Flöte
1857 Kapelle Münzer - Modell 1 erste Geige, 2 zweite Geigen mit 7 Personen 1 Pedalharfe, 1 Viola, 1 Cello, 1 Flöte
1885 Kapelle Moritz Siegl - Modell 2 - 3 erste Geigen, 3 zweite Geigen mit 15 - 16 Personen 2 Violas, 2 Flöten, 2 Klarinetten, 1 Cello, 1 Baß, 1 kleine Trommel, 1 große Trommel
Preßnitzer Kapellen spielten in den Konzertsälen großer Hotels, so z. B. dem SHEPHEARD - HOTEL in Kairo, das sogar für zwei Jahre im Besitz von Moritz Siegl war; in Kaffeehäusern, Restaurants, auf den Decks der Ozeanschiffe und an Fürstenhöfen in Indien. Nach 1860 bereisten sie darüber hinaus China, Japan, Australien und Amerika.
Moritz Siegl brachte soviel Geld nach Hause, daß dort eine gängige Redensart lautete : "Wenn der Siegl kommt..." was soviel bedeutete wie: "dann gibt's Geld" oder "dann können wir uns das leisten".
Sogar bei Karl May begegnen uns Preßnitzer Musiker, und zwar in seiner Erzählung "Von Bagdad nach Stambul". Sein Held Kara Ben Nemsi berichtet dort: "Jedenfalls hatte ich hier eine Preßnitzer Truppe vor mir, und um die Sprachgewandtheit dieser Leute auf die Probe zu stellen, fragte ich die Sängerin: „Hangi lißanda türkü tschaghyry - jorßun - in welcher Sprache singst du?“ „Almandscha tschaghyry jorum - ich singe deutsch“, erwiderte sie. „You are consequently a german Lady - Sie sind folglich eine deutsche Dame?“ „My native country is German Austria - Meine Heimat ist Deutsch - Österreich.“ „Et comment s'appelle votre ville natale - und wie heißt ihre Vaterstadt?“ „Elle est nommée Preßnitz, située au nord de la Bohème - sie heißt Preßnitz, das in Nord -Böhmen liegt.“ „Ah, nicht weit von der sächsischen Grenze, nahe von Jöhstadt und Annaberg, setzte ich in deutscher Sprache fort. „Richtig!“ rief sie. „Hurrjeh, sie reden auch deutsch?“ „Hier in Damaskus“? „Überall“ Da kamen auch die anderen Mitglieder der Truppe herbei. Die Freude, einen Deutschen zu treffen, war allgemein und die Folge davon waren einerseits von mir einige Gläser Scherbet und andererseits von ihnen die Bitte, mein Lieblingslied zu nennen; sie wollten es singen. Ich bezeichnete es ihnen, und sofort begannen sie:
„Wenn sich zwei Herzen scheiden, die sich dereinst geliebt, das ist ein großes Leiden, wie's größer keines gibt."
Überall in der Welt war Preßnitzer Musik zu hören und die reisenden Kapellen haben sicher Anteil am Verdienst, deutsche Musik in fernen Ländern bekanntgemacht zu haben:
die Kapelle Emanuel (1830 - 1850) in russisch Polen; die Kapelle Münzer (1857 - 1891) in Deutschland, Schweden, Finnland, Norwegen; die Kapelle Ferdinand Münzer (1891 - 1917) mit 10 Personen, die alle schwedisch sprachen, in Schweden; Johann Rauscher in Wien, Tirol und in der Schweiz; Emil Pöschl und Sohn mit 8 - 10 Personen in Schlesien und Rußland; Alexander Frank (1860 -1872) mit 12 - 18 Personen in Ägypten; Karl Bittermann (1875 -1878) aus dem Nachbardorf Köstelwald in Ägypten, Indien, Saigon, Schanghai; Johann Müller aus Orpus (1870 -1880) mit 15 Personen in Ägypten und Singapur; Johann Stütz aus Dörnsdorf am Balkan, in Indien und Ägypten; Johann Haßner (1882) Singapur. Er kaufte dort ein Hotel, war Raritätensammler und begründete das Preßnitzer Museum mit volks- und naturkundlichen Exponaten. Andere Wohltäter statteten die heimatliche Kirche mit wertvollen Gaben aus: Zwei riesige echte Meeresmuscheln rechts und links der Kirchentüre dienten als Weihwasserbecken, wertvolle Kristallüster schmückten den Innenraum.
Ignaz Pöschl (genannt Schilottl) aus Reischdorf, mit 17 Personen in Indien, China, Japan. Auch er war nebenbei Sammler und betätigte sich als Tierfänger. Mit den exotischen Tieren belieferte er Zoos in Europa. Die Kapelle Scherenstein 1886 mit Pedalharfenist Joh. Panhans in den USA; die Kapelle Kreuzig 1904 -14 in Buenos Aires. Johann und Franz Anger leiteten in Indien und Afghanistan Militärkapellen mit 40 bis 60 Mann. Leopold Knebelsberger, Komponist des "Andreas-Hofer-Liedes" (geboren in Klosterneuburg) heiratete eine Preßnitzerin und kaufte in Preßnitz ein Haus. Mit seiner Frau und seiner "Zillertaler Kapelle" war er ständig auf Reisen. Dies war offenbar kein Hinderungsgrund für die Geburt von zehn Kindern. Die Benennung der Kapellen mit Phantasienamen wie "Zillertaler", "Wiener Madln", "Pariser Chic", "Wiener Schrammeln" und das Auftreten als "Trachten" - Kapellen in Phantasiekostümen war durchaus üblich.
Auch Knebelsbergers Tochter Marie Knebelsberger - Auer wurde auf einer Konzertreise in Warschau geboren. Aus ihr wurde eine virtuose Zitherspielerin. Dreizehnjährig reist sie allein ihren Eltern nach Hamburg nach, die schon zwei Jahre unterwegs waren. Sie begleitet diese durch Deutschland, Dänemark, Schweden und Norwegen. Auf der anschließenden Rußlandreise stirbt der Vater. Das Schiff gerät auf der Rückreise vor Riga in Seenot.
1872 reist Maria mit einer Damenkapelle nach Ägypten, 1874 nach Nordfrankreich, Belgien, Holland, Deutschland. Einem Konzert im Kristallpalast von Amsterdam wohnen zweitausend Menschen bei, in Scheveningen spielt man vor der holländischen Königin, in Ostende vor der belgischen. 1874 heiratet sie den Preßnitzer Uhrmacher Auer. Aus dieser Ehe gingen sieben Kinder hervor. Marie Kenebelsberger - Auer komponierte und verfaßte Gedichte.
Damenkapellen wie die von Maria Schipeck zählten bis zu vierzig Personen und konzertierten in den vornehmsten englischen Häusern (Westminsterpalast, Prince of Wales, Marlborough).
Die Kapellen bestanden überwiegend aus Frauen und Mädchen. Geführt wurden die "Gesellschaften", wie sie sich auch nannten, von einem Kapellmeister oder bei ausgesprochenen Damenkapellen auch von einer Kapellmeisterin. Von ihnen wurden die Proben geleitet, den jungen Mitgliedern Unterricht erteilt und Noten beschafft, wobei unter den Kapellen auch getauscht wurde. Vieles mußte von Hand abgeschrieben werden. Verhandlungen mit Agenten waren zu führen, Verträge abzuschließen. Dabei waren sie für ihre Musiker verantwortlich. In späterer Zeit mußten sie eine Kaution stellen, um damit notfalls die Heimreise zu sichern. Meist trug die Kapelle ihren Namen. Allgemein genossen sie ein hohes Ansehen als selbstständige Unternehmer.
Vor der Abreise aus Preßnitz trafen sich die Kapellen zum "Zusammenspielen". Da liefen dann Nachbarn und Passanten herbei, um am offenen Fenster einen guten Platz zum Zuhören zu ergattern.
Nach einem alten Brauch warf meine Großmutter den zu Verabschiedenden einen nassen Lappen nach, der auch treffen mußte. Dies sollte Glück und gesunde Heimkehr bewirken.
Die Gemeinschaft in der Kapelle bildete eine große Familie, mütterlich umsorgt von der Frau des Kapellmeisters. Ein besonders strenges Auge hatte sie auf die weiblichen, oft noch sehr jungen "Familienmitglieder" zu werfen, damit sich an diesen nicht der derbe Scherz bewahrheite : „Mit der Geich sin' se furt, und mit ‘ner Trummel kumme se ham".
Und wie stand es mit dem Verdienst ? Bezahlt wurde vom Veranstalter oder Wirt an den Kapellmeister. Dieser verteilte das Geld nach einem bestimmten Schlüssel an seine Mitarbeiter. In der Kapelle meines Vaters wurde es so gehandhabt, das er zwei Teile, die Mitglieder je einen Teil der Gage erhielten. Unterkunft stellte gewöhnlich der Wirt kostenlos zur Verfügung oder man wohnte in Privatquartieren. Gelebt wurde "aus dem Koffer", der nicht selten die Ausmaße eines mittleren Kleiderschrankes hatte. Dies war natürlich erst zu einer Zeit möglich, als mit der Eisenbahn gereist wurde und eine umfangreiche Bühnengarderobe mitgeführt werden mußte.
Von den oft recht beachtlichen Einkünften legten die Konten der Preßnitzer Sparkasse Zeugnis ab. Auch das Auftreten vor allem der Musikerinnen in der Öffentlichkeit zeigte das. Sie brachten bei ihren Aufenthalten in der Heimat - meist zum "Preßnitzer Fest" am 15. August, Mariä Himmelfahrt - das Flair und den Duft der großen weiten Welt ins Städtchen. Gekleidet nach der jeweils neuesten Mode, präsentierten sie die ersten "Bubiköpfe", aufregende Hutcreationen, schicke Kostüme und raffinierte Seidenstrümpfe und Stöckelschuhe. Umweht waren sie dabei vom Hauch exotischer Parfüms, bewundert und beneidet von denen, die aus Preßnitz nicht herauskamen.
Die Herren Musiker standen dem nicht nach, wenn sie in maßgeschneiderten hellen Sportanzügen oder englischen Knickerbocker durch die Straßen schritten, stolz den teuren Borsalinohut zur Schau stellend.
Blechmusik spielte in diesen Orchestern keine Rolle, doch gewann ab 1890 das Piano an Bedeutung. Dargeboten wurden Volks- und Modelieder bis zur Opern- und Operettenmusik. Eine Ausbildung im eigentlichen Sinne gab es noch nicht. Die Kapellen bildeten ihr Können aus sich selbst. Die Neulinge lernten von den "Alten". Meist wurden die jungen Musiker sehr früh in die Fremde geschickt. Sie mußten sich ihr Können in der Praxis erwerben, wobei allenfalls der Kapellmeister unterwegs Unterricht erteilte. Gespielt wurde praktisch alles, was das Publikum hören wollte. Im Fachjargon würde man heute von "U - Musik" (Unterhaltungsmusik) sprechen.
Die Preßnitzer Musikschule
Um den Musikernachwuchs besser auf den Beruf vorzubereiten, setzten sich schon um die Mitte des 19. Jh. die Schulmeister und Chorregenten Wenzel sowie Josef und Dionys Göhler für eine gründlichere Ausbildung ein. Ihre Bezahlung hierfür war gering, doch zeigten sich viele Schüler später mit Geschenken aus der Fremde dankbar.
Die erste richtige Privatmusikschule für Streichinstrumente gründete 1882 Wilhelm Rauscher. Im Jahr 1896 ging daraus die neue staatlich subventionierte Städtische Musikschule hervor. Ihr Ziel war es, in sechs Klassen tüchtige Orchestermusiker auszubilden. Gelehrt wurden alle Streich- und Blasinstrumente, Klavier, Orgel, Schlagzeug, Gesang, Harmonielehre, Kontrapunkt und Musikgeschichte. Das Absolventenzeugnis berechtigte zum Eintritt in die Musikkonservatorien des In- und Auslandes.
Erster Direktor war Wenzel Schmidt, der später Leiter der bereits 1873 gegründeten Musikfachschule im westerzgebirgischen Geigenbauerort Schönbach wurde. Noch älter als die Schönbacher war die von Graßlitz (1866). Deren bekanntester Leiter Franz Ludwig d. Ä. stammte aus einer Preßnitzer Musikerfamilie. Er bildete in Graßlitz nicht nur gute Musiker, sondern auch Instrumentenbauer von Weltruf heran.
1848 in Preßnitz geboren, begleitete er schon dreizehnjährig seinen Vater in einer langen Fußreise über Pilsen, Niederösterreich, Steiermark bis Triest. Nach neun Monaten war man wieder zurück im Erzgebirge. 1863 ging es bis nach Bosnien. Mit siebzehn Jahren reiste Ludwig in einer Gruppe von sechs Musikern nach Rußland. Er selbst spielte Geige, sein Vater Bratsche, die Schwester Cello und die drei Cousinen Flöte, Geige und Gitarre. Von dem auch damals kostbaren Kaviar brachte man so viel mit heim, daß ihn die ganze Familie mit Suppenlöffeln essen konnte. Während des Baues des Suezkanals 1866 musizierte Franz Ludwig in einem Streichquartett ein Jahr lang vor musikbegeisterten Ingenieuren in Port Said. Ein weiteres Jahr war er mit der Kapelle Frank in Ägypten unterwegs. Manchmal reiste auch seine Mutter mit, eine ausgezeichnete Sängerin und Harfenistin. Ihre Stimme erregte in Mailand großes Aufsehen, so daß die weltberühmte Sängerin Catalani sie unbedingt zur weiteren Ausbildung dort behalten wollte. Frau Ludwigs Mann als ihr "Chef" erlaubte dies jedoch nicht, weil hierdurch das Ensemble gelitten hätte (und vielleicht auch er selbst ?). Johanna Ludwig brachte das erste Cello mit nach Preßnitz und führte dort das Quartettspiel ein. Ihr Sohn Franz Ludwig d.J., ein Freund Max Regers, komponierte und wirkte an der Musikhochschule in Münster, wo er 1955 starb.
Doch zurück zur Musikschule Preßnitz. Ständig waren hier acht bis zehn Lehrkräfte tätig. Sie bildeten in den ersten 30 Jahren bis 1926 über 4000 Schüler aus. Viele kamen von auswärts, wohnten in Preßnitz "in Logis" und trugen mit ihrem ständigen Üben dazu bei, daß die Stadt stets von Musikklängen erfüllt war.
Das Mindestalter für die Aufnahme betrug 10 Jahre. Die Kinder mußten also gleichzeitig zwei Schulen besuchen. Vormittags wurden in der Musikschule die der Bürgerschule bereits Entwachsenen unterrichtet, in den Nachmittags- und frühen Abendstunden dann die Schulpflichtigen. Oberaufsicht über die Preßnitzer Musikschule führte das Prager Konservatorium.
Mit Ende des ersten Weltkrieges und den damit verbundenen Umwälzungen, mit dem Aufkommen eines neuen Zeitgeistes und Geschmacks, aber auch durch die rasante Entwicklung neuer Unterhaltungsmedien wie Schallplatte, Rundfunk und Tonfilm, war auch die Glanzzeit der reisenden Kapellen vorbei. Die letzten, zu denen auch meine Eltern gehörten, hatten ihre Engagements in den dreißiger und zu Beginn der vierziger Jahre vorwiegend noch in den böhmischen Kurbädern und Fremdenverkehrsorten Österreichs. Die drastischen Veränderungen des zweiten Weltkrieges brachten dann das endgültige Aus.
Trotz dieser Entwicklung fand die Preßnitzer Fachschule noch regen Zuspruch, wenn auch nicht mehr unbedingt in der Absicht, Berufsmusiker zu werden. Die günstige Gelegenheit, für verhältnismäßig wenig Geld einen gediegenen, gründlichen Musikunterricht zu erhalten, wurde gerne wahrgenommen. In Preßnitz konnte man Leute treffen, die eine Melodie vom Blatt las wie andere die Zeitung.
Die Musikschule besaß einen großen Bestand an Übungsinstrumenten. Oft hielten geschäftig Vorübereilende inne, um mit Wohlgefallen den Orchesterproben zu lauschen, deren Klänge bei geöffneten Fenstern den Kirchplatz erfüllten. Die Schüler wirkten in der Kirchenmusik mit und Schülerorchester konzertierten an Sommersonntagen im Musikpavillon des Stadtparks. Mehrmals im Jahr trat man mit Soli - und Orchesteraufführungen an die Öffentlichkeit, nicht nur in Preßnitz, sondern auch in Orten der näheren Umgebung, von wo ja auch viele die Preßnitzer Schule besuchten.
Dem ersten Direktor Wenzel Schmidt folgten Josef Metzner, aus der Egerländer Musikantenhochburg Petschau, diesem 1914 Jovita Richter aus St. Joachimsthal. Er entstammte einer alten Seifener Musikerfamilie. Letzter Schulleiter war Emil Müller, den ich noch als Lehrer hatte. Er war von 1930 bis zu unserer Vertreibung im Amt. Seine Erfindung war eine "Böhmflöte für Einarmige". Damit wollte er Kriegsversehrten die weitere Ausübung der Musik ermöglichen. Im Spessartmuseum der Preßnitzer Patenstadt Lohr a. Main kann man ein Exemplar dieses Instruments besichtigen. Müllers Frau Lucie war eine hervorragende Geigerin. Jahrelang musizierte sie mit Edvard Grieg. Auch sie erteilte Musikunterricht.
Die Preßnitzer Musikerin Gisela Hofmann (gestorben 1983) erwarb nach der Ausweisung in Kanada einen großen Besitz und baute dort eine private Musikschule auf. Ihre Heimatverbundenheit brachte sie mit Kompositionen wie „Preßnitz“ und „Memories“ zum Ausdruck.
Aus dem Leben einer Musikerfamilie vor und nach der Vertreibung.
Anders als an der Musikschule spielte sich der Unterricht innerhalb der Kapellen auf der Reise ab. Meine Mutter erzählte mir, wie mein Großvater Hans Enzmann den Mitgliedern seiner Damenkapelle Musikunterricht erteilte. Er wirkte wohl sehr "mondän", wenn er in einer Hängematte liegend, den Schnurrbart zwirbelnd die Leistungen seiner Schülerinnen abhörte, lobte oder korrigierte und dabei lässig eine lange Zigarettenspitze in der Hand hielt. Ein Playboy seiner Zeit !
Auch mein Vater Edwin Sänger entstammt einer Musikerfamilie mit acht Kindern. Alle wurden Berufsmusiker. Der älteste Bruder Albert spielte Baß und Saxophon. Er leitete eine eigene Kapelle, heiratete eine Schwester meiner Mutter, die, wie konnte es anders sein, im gleichen Beruf als Pianistin und Akkordeonspielerin tätig war. Sein zweiter Bruder Hans war ebenfalls Kapellmeister. Seine Instrumente waren Schlagzeug und Saxophon. Natürlich wirkte auch seine Frau als Harmonikaspielerin in seiner Gruppe mit. Mein Vater, der jüngste der Sänger - Brüder, war ebenfalls mit eigener Kapelle auf Reisen. Außer der Geige spielte er Saxophon und Klarinette und machte seinem Namen auch als beliebter Sänger alle Ehre.
Eine ältere Schwester meines Vaters bereiste von 1910 - 1915 Rußland mit Geige und Schlagzeug; seine Schwester Tony, eine vorzügliche Cellistin, gründete die Kapelle König und seine Schwester Rosl, obwohl an beiden Händen behindert, lernte dennoch Schlagzeug, um ebenfalls den Musikerberuf ausüben zu können. Da verstand es sich von selbst, daß Schwester Maria (Manschi) als Pianistin ebenfalls einen Kapellmeister heiratete. Selbstverständlich war es, daß meine Mutter ebenfalls vom Fach war. Neben ihrem Hauptinstrument, dem Cello, spielte sie Saxophon und das in den zwanziger Jahren beliebte Banjo. Vier ihrer sechs Geschwister waren ebenfalls Musiker. Auch die Familie Enzmann blickte auf eine lange Musiktradition zurück. Mein eingangs erwähnter, in Sulina geborener Großvater führte als Cellist eine Kapelle. Sein Cello hat sich inzwischen auf die Urenkelin weitervererbt, die in Aschaffenburg das Musische Gymnasium besucht. Meine Großmutter, aus dem Nachbardorf Köstelwald stammend, spielte die Piccoloflöte. Bei langen Fußmärschen wurde sie darum vor allem von Bassisten und Schlagzeugern beneidet. In der näheren Umgebung, die durchaus bis ins 35 Kilometer entfernte Karlsbad reichte, mußte man zu Veranstaltungen oder Engagements grundsätzlich zu Fuß gehen und sein Instrument selbst tragen. Einmal, mitten im tiefsten Erzgebirgswinter, hatte meine Mutter ihren Vater auf den 1214 Meter hohen Fichtelberg bei Oberwiesenthal zu begleiten, um dort im Berghotel zu musizieren. Viele Stunden hieß es durch den verschneiten Winterwald stapfen und gegen Ende der langen Wanderung noch den steilen Aufstieg zum Gipfel zu bewältigen. Von einer Ruhepause war dann keine Rede. Vielmehr wurde bis tief in die Nacht zum Tanz aufgespielt.
Schon mit vierzehn Jahren ging meine Mutter mit ihrem Vater und Geschwistern auf Reisen. Bald hatte sie eigene Engagements in Deutschland, der Schweiz und der Karpatenukraine. Es blieb nicht aus, daß sich die Musiker der Familien Enzmann und Sänger in der Fremde begegneten, kennen und lieben lernten. Eines Tages beschloß man schließlich, eine gemeinsame Kapelle "Geschwister Sänger" zu gründen. In diesem Gemeinschaftsunternehmen waren zwei Brüder Sänger mit zwei Schwestern Enzmann verheiratet und auch beruflich verbunden. Übrigens nannten sich die Kapellen in den zwanziger und dreißiger Jahren auch gerne "Salonorchester".
Es war in den Kreisen der Preßnitzer Musiker durchaus üblich, sich einen Ehepartner aus der Heimat und mit gleichem Beruf zu suchen, offenbar nach dem Motto "Da weis man, was man hat". Ausnahmen waren es eher, wenn - vor allem Musikerinnen - in der Fremde eine "gute Partie" machen konnten. Da sich die Eltern hauptsächlich im böhmisch - österreichischen Raum betätigten, sind mir viele Ortsnamen vertraut in denen sie gastierten: Franzensbad, Asch, Komotau, Saaz, Aussig, Leitmeritz, mein Geburtsort Reichenberg, Gablonz, Mährisch Schönberg, Troppau, Jägerndorf, Linz und Wels.
Oft erzählten die Eltern von ihren Stammgästen, deren Lieblingsmelodien sie kannten und die sich nicht lumpen Iießen, wenn es galt, sich den Musikern erkenntlich zu zeigen, indem sie ihnen Blumen, Süßigkeiten und - vor allem - "Scheine" auf die Bühne schickten. Wohl nicht zuletzt, um sich über Gäste unterhalten zu können, ohne daß diese verstehen konnten, um was es dabei ging, bildete sich bei den Preßnitzer Musikern eine "Geheimsprache", die sogenannte Schaller - (von Schaller = Musiker) oder „U - Sprache“ heraus. Auch außerhalb des Berufes erwies es sich gerade in der Fremde oft als sehr praktisch, wenn man sich über Dinge verständigen konnte, die nicht jeder zu hören brauchte. War etwas zu teuer, so sagte man „uze ujerte", lehnte man einen Handel ab, so genügte ein kurzes "uschtne" (nichts).
Hatte einer keine Ahnung, dann war er "ummde" (dumm). Geld hieß "uldge", Bier "urbe“, Uhr "urhe", Wein "uinwe", Mädchen "udlme" und Mann "unnme" usw. und so "uiderwe".
Auch Musiker anderer Orte hatten eigene Sprachen. Die Gottesgaber etwa die "Fatzersprache" (Fatzer = Musiker) oder die Petschauer Musikanten, deren Geheimsprache die typischen Egerländer Laute durchklingen Iieß.
Unsere Schallersprache ist innerhalb der Familie noch sehr lebendig. Selbst mein in Lohr geborener Mann und unsere Tochter verstehen und sprechen sie perfekt. Sie leistet uns in mancher prekären Situation gute Dienste. Viele Redewendungen haben wir in die tägliche Umgangssprache aufgenommen. So lebt in unserem Alltag ein Stückchen Preßnitzer Musikantentums weiter.
Wie andere Preßnitzer Musikerkinder, die nicht zu Hause geboren wurden, brachten mich die Eltern bald nach der Geburt heim zur Großmutter väterlicherseits. Dort wuchs ich glücklich, sorglos und geborgen auf. Von Zeit zu Zeit kamen die Eltern zu Besuch, doch diese Visiten empfanden wir eher als störend. Sie meinten immer "korrigierend" in die "zu wenig strenge" Erziehung eingreifen zu müssen. So waren Großmutter und ich nicht allzu traurig, wenn sie bald wieder auf Reisen gingen und unsere vertraute Idylle ohne Störungen wieder einkehrte.
Beispielhaft für das Leben vieler Preßnitzer Musikerfamilien ist sicherlich auch das folgende Erlebnis: Es war im Jahr 1939 - ich war 5 Jahre alt -, als mein Vater sein Engagement in Wels / Oberösterreich kurz unterbrach, um in Preßnitz an der Hochzeit eines seiner Brüder teilzunehmen. Anschließend durfte ich mit ihm in der Eisenbahn nach Wels mitfahren. Dort sollte ich einige Wochen bei den Eltern sein. Dies war für mich natürlich ein großes Erlebnis. Mein Vater freute sich darüber, daß ich so aufgeregt war und gab sich alle Mühe mich recht zu verwöhnen. Er machte sich auf zum Speisewagen, von wo er mir "Kracherl" (Limonade) und Würstl zu bringen versprach. Im überbesetzten Zug standen die Leute in den Gängen. Für ihn war kaum ein Durchkommen. Es dauerte und dauerte - Vater blieb verschwunden. Nun bekam ich es mit der Angst. Vielleicht bin ich von ihm vergessen worden oder gar einem fremden Mann aufgesessen, der mich nun hier in der ungewohnten Fremde allein läßt? Doch endlich kam er zurück, strahlend und das Versprochene in Händen. Wie konnte ich nur auf solch dumme Gedanken kommen ?
Nach langer Reise kamen wir endlich in Wels und bei der auf uns wartenden Mutter an. Vom Bahnhof gingen wir zum Café Novy, wo meine Eltern auftraten und auch wohnten. Jetzt begann eine interessante Zeit für mich, die völlig anders verlief, als ich es von Preßnitz gewohnt war. Da die Eltern bis spät in die Nacht musizierten, schliefen sie morgens länger. Ich durfte mich selbst fertigmachen und nach unten gehen. Der Wirt verwöhnte mich mit einem köstlichen Frühstück. Kakao mit "Obers". „Was ist denn das ?“ Das ist geschlagene Sahne, wir sind doch in Österreich! Am Nachmittag spazierten wir durch Wels. Was gab es da alles zu bestaunen! Besonders bemerkenswert fand ich ein "schönes Haus", wo Eis verkauft wurde. Gegen Abend nahm dann der Beruf Vater und Mutter wieder in die Pflicht. Bis in mein Zimmer tönte die Musik herauf. Manches Lied kannte ich und summte es mit. "Mamatschi" stimmte mich immer sehr traurig. Bald hatte ich herausgefunden, daß nach "Heut ist Spatzenkonzert" die Pause kommt. Regelmäßig brachten mir die Eltern dann Limonade mit und Süßigkeiten, die sie von Gästen geschenkt bekommen hatten.
Leider ging diese schöne Zeit zu schnell vorbei. Der schreckliche Krieg warf schon seine Schatten voraus. Eines Tages kam Großmutter nach Wels und holte mich wieder heim in unser Erzgebirge.
Auch für die Eltern war ein glücklicher Lebensabschnitt zu Ende. Aus war es mit dem Reisen und den Engagements und der gewohnten Freiheit. Vater mußte zum Militär nach Amstetten einrücken, die Kapelle löste sich auf. Bald kam meine Mutter zurück nach Preßnitz ins Haus der Schwiegermutter. Da hieß es dann, „man“ müßte heute aufs Feld hinaus, „ man“ sollte dies und „man“ sollte jenes. Steine klauben und Heu wenden. So bewarb sich Mama bei einem Kurorchester in Johannisbad. Hier war sie während des Krieges zwei Sommer lang im Engagement. Mit meiner kleinen Schwester Gerlinde durfte ich in den Ferien zu ihr kommen. Als Cellistin hatte sie nachmittags und abends "Dienst". Wie staunten wir Kinder, als sich das Musikpodium mitsamt dem Orchester je nach Wetter zum Garten oder zum Kurhaus hin drehte. Viele der Gäste waren verwundete Soldaten. Das Kurorchester und Theateraufführungen sollten sie aufheitern.
1945, der Krieg ist zu Ende - vom Vater kein Lebenszeichen. Die Mutter wohnte nun mit uns beiden Kindern in einer eigenen Wohnung im Elternhaus Kirchgasse 205. Immer in Ungewißheit, wie es weitergehen wird. Die ersten Ausweisungen erfolgen. Wann sind wir dran ? Ich erinnere mich noch gut an den "Austrommler", der jeden Tag durch unsere Gasse kam und mitteilte, welche Wertgegenstände heute an die tschechische Verwaltung abzuliefern seien: Schmuck, Briefmarkensammlung, Fotoapparate, Schreibmaschinen und Musikinstrumente! Der Refrain am Ende seiner im Singsang vorgetragenen Bekanntmachung lautete: "Zuwiderhandelnde werden mit dem Tode bestraft".
Wie sollte ein neuer Anfang - wo auch immer - gemacht werden ohne Musikinstrumente ? Da gab es für Mutter und die Verwandten nur eines: Die Instrumente mußten hinüber nach Jöhstadt in Sachsen geschafft werden, das etwa sieben Kilometer entfernt gleich jenseits der Grenze lag. Dort war russisch besetzte Zone. Als Anlaufstelle boten sich Verwandte meiner Großmutter an. Bei ihnen wollte man die Instrumente unterstellen.
Nacht für Nacht stapften nun hochbepackte dunkle Gestalten über die Felder, auf finsteren Schleichpfaden durch den Wald in Richtung Grenze. Unsere Mutter, eine kleine, zierliche Frau, damals 36 Jahre alt, schloß sich Tanten und einem Onkel an und "paschte" erst die Musikinstrumente - auch ihr Cello -, dann alles was irgendwie tragbar war, hinüber nach Jöhstadt. Die tschechische Miliz war mit dem Gewehr schnell zur Hand. Manchmal peitschten nachts Schüsse durch den Wald, vor allem, wenn eine Schneise überquert werden mußte. Dann hieß es ums Leben laufen. Da dieses nächtliche Treiben bei den Tschechen nicht unbemerkt bleiben konnte, fanden in den Häusern von Preßnitz nächtliche Kontrollen statt, um festzustellen, ob alle gemeldeten Bewohner zu Hause waren. Trotzdem war schließlich die gesamte Ausstattung eines Salon - Orchesters drüben in vorläufiger Sicherheit: Das Cello, zwei Saxophone, zwei Geigen, eine Klarinette, ein Banjo und nicht zuletzt die wichtigen, aber auch sehr gewichtigen Noten. Da die Verwandten ja eigene Kapellen hatten, schleppte jeder eine ähnliche Instrumentensammlung hinüber. Was für einen Anblick muß diese im Gänsemarsch einherschleichende Kolonne geboten haben! Einmal ging mein Onkel sogar mit einer auf den Rücken gebundenen großen Trommel voran. Da konnte sich manche trotz der gefährlichen Situation das Lachen nicht verkneifen. Waren früher die Kapellmeister große Herren und ihre Musiker geachtete Leute in Preßnitz, so mußten sie nun buchstäblich bei Nacht und Nebel wie die Diebe zur Hintertür hinausschleichen.
Im März 1946 waren wir dann mit der Ausweisung an der Reihe. Im tiefen Erzgebirgswinter bei Schnee, klirrender Kälte, jeder mit dem „erlaubten" Handgepäck beladen, zogen wir in langem Fußmarsch zum Bahnhof Weipert - Neugeschrei. Von dort ging es in Viehwaggons ab in den Westen. Auf meinem "Transportzettel für Evakuanten" steht in der Rubrik "Wünscht zu gehen nach?" - Bayern. Eigentlich „wünschten wir zu bleiben“ in Preßnitz. Im Flüchtlingslager in Lohr a. Main froren nachts die Kissen an der Wand fest.
Nun mußten für einen Neuanfang vor allem die Instrumente her, die noch weit hinten im sächsischen Erzgebirge Iagerten. Offiziell war die Abholung nicht möglich. Deshalb machten sich unsere Mutter und Tante wieder nach Osten auf den Weg. In Jöhstadt konnten sich die Verwandten in der mit Musikalien und Hausrat vollgestopften Wohnung kaum noch bewegen. Über die Zonengrenze von Thüringen nach Bayern wurden die beiden Frauen von bezahlten Schleppern mehr schlecht als recht gelotst, das heißt, man ließ sie in dunkler Nacht einfach im Wald stehen mit dem Rat, nunmehr immer geradeauszugehen, was sie direkt zu den russischen Wachtposten führte.
Inzwischen erschien eines Tages im Lohrer Flüchtlingslager ein abgemagerter junger Mann in langem Soldatenmantel. Es war unser Vater. Nun fehlte zur vollständigen Familie die Mutter. Schließlich hatten sie und Tante Manschi doch alle Schwierigkeiten überwunden und trafen mit den Instrumenten in Lohr ein. Nun waren wir endlich komplett. Im Gemeinschaftssaal des Lagers wurde zum Tanz aufgespielt. Die Jugend aus der Stadt kam, war neugierig - die ersten Kontakte auch zum ansässigen Musikerkreis wurden geknüpft. Durch die Musik waren die Eltern rasch integriert. Junge einheimische Laienmusiker schlossen sich den erfahrenen Profis an. Es wurden die damals so beliebten "Bunten Abende" gestaltet, zu Hochzeiten und Trauerfeiern, und in den umliegenden Dörfern wurde zum Tanz aufgespielt. Tänzerinnen und Tänzer bekamen statt einer Eintrittskarte einen Stempel auf den Unterarm. Dieses wichtige Amt durfte ich ausüben. Die bei Kriegsende zerstörte Mainbrücke wurde mit Musik wieder eingeweiht. Auch die amerikanischen Besatzungssoldaten hatten "Musikbedarf". Von deren Veranstaltungen brachten uns die EItern seltene Leckerbissen wie Wildschweinbraten und - of course - Coca Cola mit ins Lager.
Es ergaben sich Verbindungen zu Einheimischen mit Interesse an Kammermusik. Bald fanden Hausmusikabende in deren Wohnungen statt. Ich erinnere mich an meinen Vater, wenn er abends ellenlange GEMA-Listen ausfüllte, mit denen jedes gespielte Stück an diese Interessenvertretung der Autoren und Komponisten zur Gebührenabrechnung gemeldet werden mußte; oder wenn er sonntags stundenlang die Instrumente putzte, bis Saxophon und Klarinette blinkten und funkelten. Als Putzmittel diente damals Zahnpasta, wegen der darin enthaltenen Schlemmkreide.
20. Juni 1948: Die Währungsreform ! Nun wurde Geld knapp und für andere Dinge als Tanzvergnügen ausgegeben. Was tun? Vater mußte wieder zurück in seinen alten Beruf. Das hieß, wieder weg von der Familie, Engagements suchen und allein auf Reisen gehen. Er bewarb sich auf Annoncen in Fachzeitschriften und bekam Zeitverträge in Aachen, Bielefeld, Frankfurt und Aschaffenburg. Nach der langen Trennung durch den Krieg war dies aber auf Dauer nicht mehr das Richtige, zumal sich die Familie inzwischen um weitere zwei Geschwister vergrößert hatte. Sicher dachte unser Vater dabei auch an die alte Preßnitzer Musikerweisheit "Am schensten is daham". Es ergab sich für ihn die Chance, in Lohr die Leitung des Werksorchesters im Eisenwerk Rexroth zu übernehmen. Da dies aber nur nebenberuflich möglich war, mußte er einen völlig neuen Beruf als Bürokaufmann erlernen. Die Arbeit mit den Freizeitmusikern machte ihm viel Freude. Er leitete das Orchester bis zu seiner Pensionierung 1978.
Inzwischen hatten wir eine eigene Wohnung, so daß die Eltern mit ihren neuen Freunden wöchentliche Hausmusikabende auch bei uns veranstalten konnten. Dies waren auch für uns Kinder schöne Stunden: Es war nur natürlich, daß die Eltern uns die Freude an der Musik vermitteln und weitergeben wollten. Beim Geburtstag eines Familienmitglied wurde immer zuerst ein musikalisches Geschenk in Form eines Ständchens dargebracht. Die Familienfeste wurden selbstverständlich musikalisch umrahmt.
In Preßnitz hatte ich schon als Zehnjährige die Musikschule besucht. Leider war der Unterricht kriegsbedingt unregelmäßig und schon nach zwei Jahren zu Ende. Doch noch heute höre ich das Üben und Vorspielen durch die Gänge unserer Musikschule klingen. In Lohr wurde mein Geigen- und Klavierunterricht wieder aufgenommen, sobald dies die finanziellen Verhältnisse erlaubten. Auch hier gab es Schülerkonzerte, bei denen ich mitwirken durfte. Auch meine Geschwister erhielten schon früh Klavier - und Geigenunterricht. Vor allem Vater achtete streng auf die Einhaltung der Übungszeiten, ordentliche Haltung der Geige und saubere Bogenführung. Dabei floß manche Träne den Main hinunter.
Mit Mann und Tochter besuchte ich 1970 unser Preßnitz. Die Stadt war bereits stark vom Verfall gezeichnet. Viele Häuser abgerissen, die Kirche "wegen Einsturzgefahr" geschlossen, doch die alte Musikschule stand noch, wenn auch recht heruntergekommen. Es schallten keine Orchesterklänge über den Kirchplatz, aber lautes Kindergeschrei erfüllte ihn. Das Gebäude diente nun als Kindergarten. Verwittert und abgebröckelt der rote Verputz, blind die Fensterscheiben, verschwunden die Marmortafel überm Eingang: "Unterweise deinen Sohn und Wonne bereiten wird er deiner Seele". Am 6. Juni 1973 abends um 19.27 Uhr wurde Preßnitz gesprengt. Es versank in den Fluten eines Stausees, der heute seinen Namen trägt. Die neuen Landkarten bezeichnen ihn mit VODNY NADRZ PRISECNICE.
Wenn auch die Musikerstadt Preßnitz nicht mehr existiert und ihre Bewohner in alle Winde zerstreut wurden, so fließt das Musikerblut doch weiter in den Adern der Enkel. Aufs neue erklingt das Cello des Urgroßvaters, musiziert die junge Generation mit Klavier, Gitarre oder Schlagzeug, der alten Tradition verbunden, auch wenn keiner von ihnen mehr sein Brot mit der Musik verdienen muß.
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