Der Weg zu den Sternen
I. Jugend
Eugen Sänger ist am 22. September 1905 in der hart an der sächsischen Grenze liegender, ehemals kgl. freien Bergstadt Preßnitz, also auf dem Boden der k. k. Monarchie, geboren worden. Es war dasselbe Jahr, da der aus Ulm an der Donau gebürtige Albert Einstein (1879-1955), damals gerade Beamter im Eidgenössischen Patentamt zu Bern, seine Spezielle Relativitätstheorie veröffentlichte. Mit der 1915 dann folgenden allgemeinen Relativitätstheorie wurde neben der Quantentheorie die bedeutendste physikalische Theorie des XX. Jahrhundert, die mathematischen Grundlagen von Zeit, Raum und Masse, begründet. Die Einstein'schen Formeln sollten zwei Jahrzehnte später in Eugen Sängers Plänen und Konstruktionen eine wichtige Rolle spielen.
Es darf hier darauf aufmerksam gemacht werden, daß Hermann Oberth, der Vater der Weltraumfahrt, wie er genannt wurde, ebenfalls aus einem Kronland der Österreichisch - Ungarischen Monarchie, dem siebenbürgischen Hermannstadt, stammt, wo er 1894 geboren wurde. Mit einem Altersvorsprung von nur 11 Jahren gegenüber Eugen Sänger hat Oberth die Tragik des „Zu früh“ mit allen obwaltenden Apostrophierungen kennengelernt. Es blieb ihm nicht erspart, ein hohes Maß an Krisen, Erschütterungen, Anfeindungen und Demütigungen überwinden zu müssen.
Es muß zu dieser Aufzählung, wenn vom Vater der Weltraumfahrt die Rede ist, auch deren Prophet Dr. Theodore von Kármán (1881-1963), ein aus Ungarn stammender Gelehrter, genannt werden. Zur Zeit, da Eugen Sänger 1913 noch ungarische Schulbänke drückte, wirkte Theodore v. Kármán, übrigens ein Schüler Ludwig Prandtls, des Begründers der aerodynamischen Wissenschaft, an der Technischen Hochschule zu Aachen als Ordinarius für Mechanik und Aerodynamik und begründete dort das weltbekannt gewordene Aerodynamische Institut. Bei der Kleinheit der „Provinz der Flieger, Weltraumfahrer, Träumer und Narren“ konnte es nicht ausbleiben, daß Oberths, von Kármáns und Sängers Wege sich eines Tages kreuzen würden.
Dem jungen Eugen war, zumal ihm sein Vater früh genommen wurde, keine unbeschwerte Jugend beschieden. Darüber, wie ihm, dem blonden jungen Wikingertyp, die ungarischen Elementarschulen zu Budaörs und Kelenföld bekamen, ist Unmittelbares kaum überliefert. Der Schicksalsweg führte den von keinem mütterlichen Vermögen, aber um so größerer mütterlicher Sorge begleiteten Jungen zum Besuch der staatlichen Oberrealschule nach Graz und damit wieder auf den Boden der Doppelmonarchie zurück.
Im Alter von 15 Jahren geriet Eugen Sänger an die erste, damals noch zweibändige Ausgabe von 1897, des Werkes des gelehrten Philosophen, Ingenieurs und Dichters Kurd Lasswitz (1848-1910) „Auf zwei Planeten“. Bei der eigenen Phantasie des lesewütigen Jungen konnte das utopische Buch nicht verfehlen, ihn hinzureißen, ja zu betäuben und ihn aus aller ewig knabenhaften Abenteuererwartung zu tieferem Nachdenken und zu Visionen der Erfüllung technischer Wunschträume zu zwingen.
Es fehlte zum Thema „Auf zwei Planeten“ nicht der zeitgeschichtliche Hintergrund: Andrées 1897 unternommene Polartrift im Ballon, ein wissenschaftliches Unternehmen, das in die Verschollenheit führte. Und ließ Kurd Lasswitz seinen Roman nicht ganz genau so beginnen wie Andrées Abenteuer? Außerdem war der Planet Mars gerade bevorzugtes Forschungsobjekt der Astronomen mit Diskussionen um die Frage, ob und in welcher Art der rote Planet bewohnt sei. Andrées tollkühnes Unternehmen war von Alfred Nobel (1833-1896), dem Erfinder des Dynamits, finanziert worden. Nobel war der Überzeugung, daß die furchtbare Sprengkraft des Dynamits alle künftigen Kriege verhindern würde. Man mußte also Falsches und Richtiges unterscheiden, exakte Wissenschaft und Technik versprachen ein goldenes Zeitalter. Der junge Mann glaubte daran.
II. Wien
Nach wohl bestandener Reifeprüfung nahm Eugen Sänger an der technischen Hochschule zu Graz das Studium des Bauingenieurwesens auf. Es befriedigte ihn nicht. In ihm lebte eine metaphysische Sehnsucht nach einem Ziel im Unendlichen, das nichts mit Baustatik, Hochbau und Architekturplänen zu tun hatte, dessen Weg zur Verwirklichung noch niemand kannte, auch er selbst nicht. Es geschah ihm nach Kiplings Worten: „Es kam die Ahnung, es kam das Flüstern, es kam die Kraft dann mit der Not“. Wiederum war es ein Buch, das ihn packte und ihn noch in Graz veranlaßte, das Baustudium abzubrechen.
Man mag es Zufall nennen, daß ihn Hermann Oberths Buch „Die Rakete zu den Planetenräumen“, während er gerade eine innere Krise durchlebte, in die Hände fiel. Hätte sich dieses Zusammentreffen nicht ereignet, so wäre ihm Oberths Buch gleichwohl, wenn auch etwas später, doch bekannt geworden. Die Wirkung wäre die gleiche gewesen. Oberth hatte Pläne dargelegt. Nie zuvor hatte man Derartiges gelesen. Ziel in der Unendlichkeit? Das wäre ein unbestimmtes Ziel. Aber ist denn nicht jedes Zukunftsziel ein Unbekanntes? Oberth dachte an Weltraumfahrt, an planetarische Weiten und erkannte Möglichkeiten, wo andere Utopien sehen wollten. Eugen Sänger ging nach Wien und begann an der dortigen technischen Hochschule, wo er kongeniale Lehrer fand, mit dem Studium der Flugzeugtechnik. Noch blieb er in herkömmlichen Bahnen.
Die Luft ist ein geduldiges Element. Mit Flugzeugkonstruktionen aber mußte man beginnen, und zudem gab es bereits planmäßigen Luftverkehr, der sich weiter entwickeln würde, schneller, höher, weiter... Er wich den Propellerantrieben aus, sie würden bald ihre Leistungsgrenze erreichen. Im Jahre 1929 legte er das Staatsexamen ab, dem 1930 über die Dissertation „Die Statik des vielholmig parallelstegigen ganz und halbfreitragenden, mittelbar und unmittelbar belasteten Fachwerkflügels“, ein konventionelles Thema, das ihm ein wohlmeinender Lehrer geraten hatte, die Promotion folgte. Im folgenden Jahre dann erwarb er seinen ersten Flugschein und lernte Geschwindigkeit, Höhe und Wetterlaunen aus eigenem Erleben kennen.
Nach seiner Promotion im Jahre 1930 verblieb Eugen Sänger noch bis 1935 an der Technischen Hochschule in Wien und arbeitete als Assistent bei Prof. Ludwik. Nun drängte es ihn, frei zu schaffen. Der Theorie mußte jetzt die Praxis folgen. Er schuf sich zur Erprobung von Brennkammern, die freilich noch nicht groß sein konnten, ein kleines Prüffeld nebst Werkstatt mit allen nötigen Werkzeugen. Der Umgang mit Flüssigsauerstoff, Kohlenstoffen, Hochdruckbehältern, hohen Drücken und knallend aufheulenden, betäubend fauchenden Stichflammen war nicht ungefährlich und verlangte äußerste Vorsicht und Besonnenheit.
Zunächst beherrschte ihn der Leitgedanke, daß es für Flugzeugantriebe Besseres als Propeller mit ihren beschränkten Wirkungsgraden bzw. Verdichtungsmöglichkeiten, schweren Motoren und den damit erreichbaren niedrigen Geschwindigkeiten geben mußte. Sänger faßte seine Gedanken in knappe Berichte: „Aus diesen und weiteren Gründen werden für die angestrebten sehr hohen Fluggeschwindigkeiten nach teilweise neuen Grundsätzen wirkende Raketenantriebe in Betrachtung gezogen, wodurch überdies eine etwaige spätere Befliegung außeratmosphärischer Höhenbereiche mit vorbereitet wird.“ Es sind die Worte eines den Raum schon durcheilenden Sehers. „Ein Phantast, ein Weltraumschwärmer, vielleicht auch nur ein Rebell“, dachten Fernerstehende.
Nach umfangreichen Modellarbeiten gelangt Sänger zum Prinzip von Gleichdruckraketenbrennkammern. Er selbst arbeitet, angetan mit dem bekannten „blauen Anton“, mit einigen Helfern an Werkbänken und Prüfständen. Er verfaßt über die guten Ergebnisse seiner Brennversuche einen genauen Bericht. Er gibt präzise Begründungen an, weswegen die praktischen Versuche fortzusetzen seien, und rückt die technische Verwirklichung des Strahlantriebes für Höchstgeschwindigkeiten und größte Höhen in zeitlich unmittelbare Nähe.
Mit der Bitte um Begutachtung geht das geschichtswürdige Dokument noch im Dezember 1933 an das Österreichische Bundesministerium für Landesverteidigung ab. Es enthält auch die Bitte um Bewilligung von Mitteln, um die Arbeiten weiterführen zu können. Sänger hatte nicht übersehen, auf die Bedeutung des Raketenantriebes für die Luftfahrt und für eine künftige Artillerie aufmerksam zu machen. Überzeugender als mit Hilfe von Zahlen, Kurven und Tabellen kann man diese Dinge einem Ministerium nicht vortragen.
Die Weltwirtschaftskrise der ersten 30er Jahre hatte die österreichischen Staatsfinanzen zerrüttet. Die fortwährenden Unruhen mochten nicht wenig dazu beigetragen haben, daß Eugen Sängers Vorschläge und finanziellen Wünsche „höheren Ortes“ an sich schon keine gute Aufnahme finden konnten. Ganz abgesehen davon aber erschienen den Beamten des Ministeriums die Angaben in den begleitenden technischen Beilagen undiskutabel und zu phantastisch. Unnötig, sich damit zu beschäftigen. Die Behörde ließ sich mit dem Gutachten einige Monate Zeit und bemühte sich dann erst um eine gequälte Antwort, die weit weniger besagte als die angestrichenen Stellen in die mit dem Absagebescheid zurückgereichten Unterlagen.
Die von Sänger ganz selbstverständlich geäußerten Vokabeln wie Rückstoßtriebwerk oder Raketenofen, Düse, Gleichdruckbetrieb, Feuerraumbelastung, Kraftstoffeinspritzung und Zündung waren als Zeichen der Bemängelung dick unterschlängelt. Vollends aber mußte den amtsgewaltigen Herren vor Sängers Angaben die Luft ausgegangen sein, „daß die indizierte Leistung dieses noch zu bauenden Motors (Raketenofens, Rückstoßtriebwerks...), bezogen auf die tatsächlich umgesetzte Energie nahezu etwa 400.000 PS betragen“ werde...
Die amtliche Antwort lautete: Auf Ihr Schreiben vom 26.12.33 wird mitgeteilt, daß das Bundesministerium für Landesverteidigung nach Prüfung Ihres Raketenprojektes sich nicht in der Lage sieht, auf dasselbe näher einzugehen, da das Grundprinzip Ihrer Konstruktion (Verwendung von flüssigem Kohlenwasserstoff und von flüssigem Sauerstoff) wegen des unvermeidlichen detonationsartigen Charakters des Verbrennungsvorganges der genannten Betriebsmittel praktisch nicht verwirklichbar erscheint. 3.Februar 1934 Dr.-Ing. Leitner, Generalbaurat
Bemerkenswert ist Sängers Reaktion auf diesen wenig staatsklugen Bescheid. Er schrieb unter die besudelt zurückgereichte Arbeit: „Bescheid war ablehnend“. Man kann nicht mit einem Kaspar Hauser über die Physik und Chemie von Raketenantrieben streiten.
Die Technische Hochschule Wien stellte sich hinter Sänger und ermöglichte ihm die Weiterführung der Versuche. Noch im Sommer des Jahres der Ablehnung verfaßte Sänger ein Programm: 1. Steigerung des Schubes der Versuchsraketen; 2. Steigerung der Strahlgeschwindigkeit auf mindestens 3000 m/s; 3. Entwicklung eines 50 kg Motors mit Selbstkühlung; 4. Bau eines flugreifen 1000 kg Motors!
Wo ihn bauen? Man würde sehen. Vorerst hieß es weiterarbeiten.
Schon 1934 führt Sänger die zwangsläufige Kühlmittelführung um die feuerberührten Wände der thermisch hochbelasteten Flüssigkeitsraketen in Metallrohren ein und erwirbt dafür zwei Patente. Der Motor wird durch Einspritzen von Metall-Alkylen gezündet, und noch 1934 finden die ersten Prüfstandversuche der Welt mit Flüssigsauerstoff-Gasöl-Hochdruckbrennkammern mit Drücken bis zu 60 Atü und Schüben von 30 kg statt. Am 4. Oktober wird mit dem genannten System eine Strahlgeschwindigkeit von 2.980 m/s erreicht. Sänger konzipiert die Begriffe „wirksame Strahlgeschwindigkeit“ und „statischer und dynamischer Raketenschub“. Der Begriff „charakteristische Ofenlänge“ ergänzte vorläufig die festgelegten Begriffe.
Zu Sängers Plänen gehört auch das Vorhaben, ein Troposphären-Rennflugzeug zu bauen und eine Raketenflugwerft zu errichten. Dazu gehörte auch der Serienbau von Jagdflugzeugen, die Durchführung eines 5.000 km Nonstop-Fluges, Entwicklung einer Beryllium-Rakete, Vorbereitung eines Nonstop-Erdrundfluges mit Raketenantrieb, die Gründung einer Weltraumstation, der Bau von Raumschiffen und die Aufnahme von Raumfahrten. Plötzlich mußten die Versuche in Wien abgebrochen werden. Nachbarn hatten erklärt, durch die Geräusche - was man ohne weiteres glauben kann - belästigt zu sein. Sänger durchlebt Unrastphasen, Sturzfluten der Aktivität, dazu quälen ihn die Spannungen der Zeit und des Lebens, und zuweilen fühlt er auch jenen plötzlich aufleuchtenden Zauber des Gelingens, ja des sicheren Zukunftversprechens inmitten eines Wustes von Nichtigkeiten. Er wird 1934 in die wissenschaftliche Kommission des Österreichischen Luftverbandes berufen. Im folgenden Jahre wird er vereidigter Sachverständiger für Flugzeugbau beim Handelsgericht Wien.
Schon 1932 hatte er Aufsätze und Abhandlungen über Bau und Leistungen von Raketenflugzeugen geschrieben, obwohl noch keines geflogen war. Es folgte 1933 ein Buch über Raketenflugtechnik, das auch die Sowjets aufhorchen ließ, dann - immer noch 1933 - erschien eine Abhandlung über die „Entwicklung der Raketenflugtechnik“ und 1935 ein Aufsatz über den Raketenantrieb für Flugzeuge. Es erschienen Veröffentlichungen seiner Patente in Österreich, Japan, Frankreich und England. Sein Name begann immer lebhafter um die Welt zu laufen. Sänger lebte in jener Zeit im Begriff des Internationalismus in der Wissenschaft. Er entdeckte einen sonderbaren Widerspruch, der ihn aber vorläufig, da er sich seiner Jugend erinnerte, nicht besonders beunruhigte.
III. Trauen – Fassberg (Lüneburger Heide)
Von jenseits der Grenze erhielt Sänger von der Forschungsabteilung des Reichsluftfahrtministeriums die Einladung, ein Forschungsinstitut für Raketenflug zu gründen, aufzubauen und zu leiten. Im hintersten Winkel der Lüneburger Heide, in Trauen-Fassberg, wurde 1936 nach Sängers Vorschlägen und Plänen mit dem Bau eines Forschungsinstitutes für Raketenflug begonnen.
Formell arbeitete Sänger in der Luftfahrtforschungsanstalt Braunschweig. Dort hatte er seine Räume. Wenigstens stand sein Name an der Tür. In Wirklichkeit aber arbeitete er wohlgetarnt in der Flugzeugprüfstelle Trauen, ein Name, der auch nur wieder Tarnung für Forschungsinstitut für Raketenflug war, das der Reichsluftwaffe unterstand. Die Tarnung wäre an sich ja gut gewesen, wenn die Fachwelt durch Sängers Veröffentlichungen nicht schon 1932 auf den Bau und die zu erwartenden Leistungen von Raketenflugzeugen und den Namen Sänger aufmerksam geworden wäre. In Trauen unterschrieb er alle Schriftstücke nur mit dem Buchstaben -S-. Wie in einem Detektivroman gab es nun einen geheimnisvollen „Dr. S.“
Zum Gesamtaufwand von acht Millionen Reichsmark stand 1941 das Institut, die Flugzeugprüfstelle Trauen, eines der modernsten und bestausgestatteten, nebst einem Prüfstand für 100.000 kg Schub dem erst 36 Jahre alten „Dr. S.“ arbeitsbereit zur Verfügung.
Sänger hatte indessen mit der Arbeitsaufnahme nicht so lange gewartet, bis der letzte Ziegelstein vermauert war. Sobald ein Dach fertig war, wurden die halbfertigen Räume darunter, so gut es ging, bezogen. Zumindest konnte man die theoretischen Arbeiten aufnehmen. Die erste aus dem Institut schon 1938 hervorgegangene Arbeit über „Feste Molekularströmung zur Beobachtung der Luftkräfte in sehr großen Flughöhen“ ist heute fester Bestandteil der Aerodynamik. Die versuchsweise „Einführung der zusätzlichen Metallverbrennung in Raketenmotoren“, die 1939 veröffentlicht wurde, ist in der Feststoffraketentechnik heute üblich.
Knapp vor Beginn des 2. Weltkrieges starteten die ersten Prüfstandversuche mit größeren Brennkammern. Als Eugen Sänger nach Ablauf einer erfolgreichen Versuchsreihe an den Entwurf eines Raketentriebwerkes für 100.000 kg Schub bei Feuergasdrücken bis zu 100 atü dachte, stockte seinen Mitarbeitern der Atem.
Die politische Lage hatte sich soweit zugespitzt, daß ein beliebiger Anlaß genügte, den Krieg auszulösen. Da Eugen Sänger als Ausländer galt und als solcher, wenngleich Institutsleiter, in geheime Schriftstücke keinen Einblick haben durfte, wurde ihm nahegelegt, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen. Das dazu nötige Verfahren, sonst ein monatelanger Amtsweg, war in diesem Falle in acht Tagen erledigt. Damit nicht genug, wurde Sänger wiederholt nahegelegt, amtlich auch seinen Namen zu ändern. Amtlich sich auch noch den Namen nehmen zu lassen, war Eugen Sänger denn doch zuviel, das -S- mußte genügen. Am 12. März 1938 rückten die deutschen Truppen in Wien ein, und schon am folgenden Tage wurde Österreich zu einem Land des Deutschen Reiches erklärt. Die Forschungsanstalt erfuhr hiervon wenig. Aus Gründen der Geheimhaltung gab es für die Mitarbeiter kaum Kontakte nach außen. Der Tag, an dem „zurückgeschossen“ wurde, war daher für das Institut, das nun mit einer Vielzahl von Aufgaben beschäftigt war, weniger aufregend als das Erscheinen zweier neuer und dringend erwarteter Mitarbeiter, einer Dame und eines Herrn.
Dr. rer. nat. Irene Bredt aus Bonn hatte eben über „Röntgenspektren seltener Erden“ promoviert. Die junge Physikerin wurde sogleich im Institut, Abteilung Gasdynamik, mit Aufgaben zugedeckt. Der Herr aber war der junge österreichische, aus Theresienstadt (Böhmen) stammende Dipl. Ing. Helmut Graf von Zborowski, ein Triebwerkspezialist von hohen Graden und Studienfreund Sängers seit dem ersten Grazer Hochschulsemester. Dr. Irene Bredt wurde bald Eugen Sängers wissenschaftlich nächste Mitarbeiterin.
Es kam in Trauen zu waghalsiges Improvisationen, zu Flügen, erst mit einer Do 17 Z und anschließend auch mit einer Do 217, die außer ihren beiden Motoren ein ihr huckepack aufgebautes Staustrahltriebwerk, ein 10,6 m langes und 1,5 m dickes Rohr, das „fliegende Ofenrohr“, zu tragen hatte. Im Bahnneigungsflug erreichte die Maschine anläßlich eines Versuchsfluges bei wildflammendem Staustrahltriebwerk 720 km/h. Der Versuchspilot, Flugkapitän Paul Spremberg, konnte während dieser jachternden Tiefenfahrt glauben, daß ihm Steuerknüppel und Leitwerk eingefroren seien, noch nie hatten die Ruderflächen einer Do ähnliche Anströmungsdrücke aushalten müssen. Zitternden Krampf in Händen und Schenkeln, erklärte Spremberg nach der Landung aus 7 km Höhe und erlebter Fahrtanzeige von 0,6 Mach mit saurer Stimme: „Herr Doktor, ich glaube, wir fallen doch mal auf den Pinsel!“
Folgendes war vorausgegangen. Im Jahre 1939 hatte Eugen Sänger den Gedanken, einen Raketenfernbomber zu entwerfen und nach allen Regeln und Erfahrungen mit Assistenz von Dr. Irene Bredt durchzurechnen. Das Projekt war an technischer Kühnheit nicht zu übertreffen. Mitten in diese alles absorbierenden Bemühungen, von denen allerdings aus Geheimhaltungsgründen in Trauen niemand etwas wußte, auch die Versuchsabteilung des RLM noch nicht, wurde 1940 der Besuch einiger Generalstabsoffiziere gemeldet.
Die deutsche Luftherrschaft sei, so hörte Sänger, im Begriff zu schwinden. Die Gegner seien an der Front mit Flugzeugen aufgetreten, gegen die es auf deutscher Seite keine Abwehr gäbe. Man brauche jetzt eine Wunderwaffe. Da Trauen der Luftwaffe angegliedert war, erwähnte niemand etwas von Raketen. Hitler hatte diese dem Heer unterstellt. Sänger schlug Staustrahljäger vor. Staustrahltriebwerke sind die einfachsten und wirkungsvollsten Antriebe, die sich für Flugzeuge denken lassen. Sängers Vorschlag wurde angenommen, und mit der Arbeit wurde sofort begonnen.
Gleichzeitig aber arbeitete Sänger auch an seiner Hochdruck-Flüssigkeitsrakete für den sogenannten Raketenfernbomber: Turbopumpen für seine Raketenmotoren wurden entwickelt, eine aerodynamische Schlittenversuchsbahn wurde gebaut - die erste der Welt -; man untersuchte gaskinetische Strömungen; die Erscheinungen beim Hyperschallflug; die Wirkung extrem dünner, ungepfeilter Flügel mit scharfen Profilnasen und plankonvexen Rumpfformen. Man prüfte und komponierte Brennstoffe und Brennstoffmischungen, insbesondere Verbindungen von Bor, Lithium, Aluminium, Metall-Äthyle, atomare Treibstoffe und Ozon.
Diese Grundgedanken zum Raketenfernbomber mit Anwendungsmöglichkeiten in der Luftfahrt und besonders auch in der Raumfahrttechnik, begannen nach Kriegsende, während der Deutschen Bundesrepublik Bauverbote auferlegt waren, im Ausland Früchte zu tragen. Indessen aber mußte Sänger die ersten Ergebnisse seiner Flüge mit der Do 217 nach Berlin melden.
Man ist in Berlin über Sängers Selbständigkeit empört. Woher hatte er denn überhaupt zu solchen Experimenten die Genehmigung! Als aber Sänger trotz Verbotes seine Versuche fortsetzte, wurde Berlin drohend. Die Forschungsabteilung des RLM protestierte, und Sänger mußte erkennen, daß er in Berlin Feinde hatte. Wie anders hätte man denn mit dem verspotteten „fliegenden Ofenrohr“ überzeugende Testergebnisse erzielen können, als auf einen fliegenden Prüfstand? Die ganze nun auf Grund der Kontroversen mit direkten Vorgesetzten in Trauen eingekehrte Mißstimmung hinderte nicht, daß Eugen Sänger und Irene Bredt am Raketenantrieb für Fernbomber wenigstens auf dem Papier weiterarbeiteten. Das Werk gewann schließlich einen Umfang von 900 Seiten und sollte, gewissermaßen zur Rechtfertigung bereits geleisteter Vorarbeit, gedruckt werden.
Die beiden Verfasser ahnten nicht, daß sie mit ihrem umfangreichen Programmwerk über den „Raketenfernbomber“ mitten im Kriege gefährlichen Boden betreten hatten. Sie waren des Glaubens, durch ihr Werk dem neuen Institut sozusagen den Text für die kommenden Arbeiten angewiesen zu haben: Weiterentwicklung der Luftfahrt bis an die äußerste Grenze, bis an die Außenstationen der Erde, mit Start und Landung von normalen Plätzen aus.
Daß das Programm einen unheimlichen Entwurf für einen Bomber bezeichnete, das konnte im Kriege nicht anders sein. Im Frieden würde man weiter sehen. In Wirklichkeit hatten beide Verfasser, was einer gewissen Tragik nicht entbehrt, einer ganzen Weltindustrie die Partitur aufs Pult gelegt. Das Programm war in Druck gegeben. Die Pressen liefen schon, als das Reichsluftfahrtministerium den Druck und jede Art der Vervielfältigung verbot. Trauen war mit diesem Akt für einen der größten Raketenexperten seiner Zeit unmöglich geworden.
IV. Ainring
In der Deutschen Forschungsanstalt für Segelflug in Ainring, einer kleinen Gemeinde am Westrande des Salzburger Kessels, fand Eugen Sänger bis zum Kriegsende einen bescheidenen Arbeitsplatz. Es war indessen keine Ruhe mehr um ihn. Das umfangreiche Manuskript über den Raketenbomber wurde durch Auszüge auf 376 Seiten kondensiert und in geringer Anzahl als Geheimdruck vervielfältigt.
Nicht aber, daß die Jahre 1936 bis 1942, in denen Sänger das Raketenflugtechnische Institut in Trauen aufgebaut und durch sein bestürzendes Werk „Über einen Raketenantrieb für Fernbomber“ gekrönt hatte, dem auch immer etwas metaphysisch denkenden Menschen Sänger keine Spuren hinterlassen hätten.
Er fühlte in seinem Ideal, in seinem intuitiven Schaffen seinen Willen und seine Macht. Ainring gereichte ihm im Vergleich zu Trauen zur Sinekure. Trotzdem fühlte er sich, was nur seine nächsten Freunde erkannten, aus aller Hergebrachtheit und Ordnung gefallen und wurde sich mit schmerzlicher Plötzlichkeit der gefährlichen Hintergründigkeit bewußt, die das totalitäre System über jederlei Nonkonformismus verhängte.
Er wurde in der Hingabe an seine außergewöhnlichen Zukunftspläne immer radikaler und fühlte sich oft unglücklich mit Ansprüchen an sich selbst. Da sich das deutsche Kriegsdrama 1945 zum Ende neigte, konnte Sänger voraussehen, daß die Früchte seiner Arbeit den Siegern als Beute zufallen würden.
So fielen denn nach dem Kriege die Abzüge des „Geheimdruckes“ den Alliierten in die Hände und wurden sofort weiterhin als „streng geheim“ erklärt. Auch Marschall Stalin erfuhr von der Idee des Raketenfernbombers und entsandte seinen Sohn, um die beiden Verfasser Eugen Sänger und Irene Bredt nach Moskau zu bringen.
Der junge Stalin kam indessen etwas zu spät. Eugen Sänger hatte sich wie so viele andere deutsche Wissenschaftler den üblichen Verhören durch die Alliierten zu unterziehen. Das französische Luftfahrtministerium lud ihn durch die Vermittlung Professor Georgiis ein, nach Frankreich zu kommen. V. Paris
Sänger folgt und geht mit seiner Mitarbeiterin Irene Bredt nach Paris. Da aber bald darauf durch die Indiskretion eines nach Westeuropa geflohenen Offiziers der sowjetischen Luftwaffe, Oberst G. A. Tokaev, bekannt wurde, daß die Sänger-Bredt'sche Arbeit über den Raketenfernbomber auch den Sowjets bekannt war, wurde von den übrigen Staaten die Geheimhaltung der Arbeit aufgehoben.
Von 1945 bis 1954 arbeitete Sänger als beratender Ingenieur in Frankreich bei der „Direction Technique et Industrielle des Ministéres de 1'Armement“ und bei der „Société MTR“ und „Nord Aviation“ in Paris. Er war unter anderem Berater für Panzerabwehrraketen, für Zielflugzeuge und Mitarbeiter am Entwurf des bekannten Staustrahlversuchsflugzeuges „Griffon“.
In dieser Zeit erschienen seine „Vorschläge zur Erhöhung des Schubes bei Staustrahltriebwerken durch Luftbeimischung zum Abgasstrahl“, „Eine Theorie der thermischen Verstopfung bei diabatischen Strömungen“ und „Eine Theorie der Pulververbrennung“.
Es folgten Arbeiten über stationäre und pulsierende Staustrahlantriebe, die immer wieder auf den Raketenantrieb für den sogenannten Fernbomber hinwiesen, und schließlich ließ er 1951, also lange vor dem Start des ersten Satelliten, einen „Atlas konkreter Bahnen von Raketenflugzeugen bis zur Außenstation und zurück“ erscheinen.
Während des Aufenthaltes in Frankreich machte er seine Mitarbeiterin vieler dramatischer Jahre, Dr. Irene Bredt, zu seiner Gattin.
1956 entschließt sich Sänger dann in Rom, seine Theorien über „Die Erreichbarkeit der Fixsterne“ anläßlich des VII. Kongresses der „Internationalen Astronautischen Föderation“ vor Papst Pius XII. vorzutragen. Er errechnet in seinem Referat mit Hilfe Albert Einsteins spezieller Relativitätstheorie, daß ein mit nahezu Lichtgeschwindigkeit fliegendes Raumschiff in der Zeitspanne eines einzelnen Menschenlebens das Universum durchkreuzen kann. Mit der Anwendung des Impulssatzes beweist er die Notwendigkeit eines maximal schnellen, das heißt eines lichtschnellen Antriebsstrahls. Diesen Antriebsstrahl soll ein Materie-Antimaterietriebwerk entwickeln, und die damals gerade bekannt gewordene Reaktionsmöglichkeit von Elektronen und Positronen soll die an Bord des Raumschiffes mitgeführte Treibstoffmenge vollständig in Energie umwandeln.
Obwohl die astronautische Forschung bis zum Beginn des 6. Jahrzehnts unseres Jahrhunderts nach und nach schon alle Wissenschaften in ihren Bann gezogen hatte und auf allen Gebieten deutliche Fortschritte sich abzuzeichnen begannen, konnten Raumfahrt, Raketentechnik, Atomphysik und deren akzessorische Disziplinen wegen ihrer Vorbelastung in der Öffentlichkeit kaum Freunde gewinnen. Man stand in allen industrieführenden Ländern Dingen, die mit Raketen und Kernspaltung zu tun haben und gar erst noch der Raumfahrt ablehnend und meist mit offenem Spott gegenüber. Diese Träumer, diese Utopisten...!
Im Jahre 1950 zeigte es sich, daß ein Zusammenschluß aller nationalen, an der Raumfahrt interessierten Verbände, Gesellschaften, offiziösen und offiziellen Körperschaften zu einer internationalen Föderation überaus erwünscht erschien. Unter Zustimmung und Mitwirkung von vorläufig 18 nationalen Gesellschaften, die zusammen (1949) rund 6.000 Mitglieder zählten, kam es 1950 dank besonderer Initiative Eugen Sängers und seines begründeten Rufes in vielen Ländern, wo man Raumfahrtprobleme behandelte, in Paris zur Gründung der Internationalen Astronautischen Föderation, kurz I. A. F. genannt.
Da man sich so kurz nach dem Krieg in Frankreich weder mit Weltraumfahrt befassen konnte noch wollte, war es Sängers Ziel, hier eine Basis für zukünftige praktische Raumfahrtentwicklungen zu gewinnen. An einem ersten internationalen Forschungsinstitut in Straßburg wurde schon konkret geplant. Eugen Sänger wurde zum ersten Präsidenten der I. A. F. gewählt und blieb es bis 1953. Bis dahin mußte er erkennen, daß sich das gemeinsame Interesse auf die Beobachtung der weltweiten Arbeiten beschränkte. Man wollte damals noch nicht glauben, daß die Verwirklichung des Weltraumfluges in zehn Jahren erreicht sein werde. Sie wurde in weniger als zehn Jahren erreicht. Bis zum genannten Jahr aber waren von Dr. Sänger und Frau Dr. Irene Sänger-Bredt schon über 75 in die wichtigsten Weltsprachen übersetzten Arbeiten, Beiträge und Berichte veröffentlicht worden. Dazu kommen noch zahlreiche Funk- und Fernsehinterviews, ganz zu schweigen von zahllosen, im In- und Ausland gehaltenen Vorträgen. Eine ungeheure zukunftsträchtige, im wahren Sinne des Wortes in den Weltraum strebende Saat war von ihnen verbreitet worden.
VI. Stuttgart
Im Jahre 1957 wurde Eugen Sänger von der Technischen Hochschule Stuttgart zum Honorarprofessor ernannt. Unter Professor Sängers Leitung entstanden das Institut für Physik der Strahlantriebe, das sich in den Februartagen 1956 unter überraschend großer Beteiligung von Raketenexperten aus Ost und West - auch aus der Sowjetunion - der Öffentlichkeit vorstellte. Dazu kann er ebenfalls in Baden-Württemberg das Raketenversuchsgelände Lampoldshausen errichten. Als ihm 1961 von der Gesellschaft für Weltraumfahrt die Hermann-Oberth-Medaille verliehen wurde, hielt Sänger seinen rund um die Erde viel beachteten Vortrag „Was kostet Weltraumfahrt?“
Von dem mit ungewöhnlichem Scharfsinn und nahezu enzyklopädischem Wissen und dazu mit unbezweifelbarer Lehrfähigkeit ausgestatteten Menschen Eugen Sänger ist kein Fall bekannt geworden, daß er irgendwann einmal jemanden ausgelacht oder herablassend behandelt hätte. Eine bei ihm in Allerweltsdingen zuweilen erkennbare Naivität hat bei Gesprächen an gastlichen Tischen seinen Zuhörern oft ein verehrendes Lächeln auf die Lippen gelockt. Er dachte und handelte ohne Arg, war aber bei allem, was er machte, von einer das Extreme suchenden, beängstigenden Gewalt. Niemand hätte hinter der Erscheinung Sängers einen weltbekannten Physiker, Mathematiker, Flieger, Raketenmann, ja überhaupt einen Professor gesucht.
Sein blonder Kopf stand immer im Sturm, er hielt seine Augen meist nachdenklich, als ob er schärferen Blick gewinnen müßte, halb geschlossen, um sie dann gelegentlich bei einem Gesprächspunkt groß auf seinen Partner zu richten. Er hielt nichts von Eleganz und war kein Modemacher. Seine Krawatten, meist sehr alte Stücke, knüpfte er dementsprechend nach alter Sitte und trug sie selbstverständlich stets etwas verschoben. Immer aber stand auch ein Kragenzipfel hoch, um dem Schlips freie Drehung um den Hals zu gewähren. Seine Stimme klang wie tiefes ruhiges Dröhnen. Gleichwohl aber verrieten Augen und Mund Neigung zu Humor.
Sänger war unentwegter Bekenner seiner Wissenschaft und seiner selbst. Er ließ es sich gefallen, zuweilen Phantast genannt zu werden. Lange, nachdem im Gespräch ein solches Wort gefallen war, - er ließ sich immer Zeit zu seinen Antworten - kam die Entgegnung: Was wäre, wenn wir Phantasten nicht vorausdenken würden, und wenn andere Phantasten vor uns nicht vorausgedacht hätten, was wäre ohne Träume von Phantasten bis heute verwirklicht worden: Dampfmaschine, Sprengstoff, Generatoren, Funk, Fernsehen, Kernspaltung, Flugzeuge, Überschallgeschwindigkeit, Hyperschall, Plasmatechnik...
In der erregenden geschichtlichen Situation des Vorabends der Weltraumflüge beschäftigte sich Sänger mit Darlegungen der technikgeschichtlichen Entwicklung und der Zukunft der Strahlantriebe: am Anbeginn Kolbenmotoren, dann Turbinenantriebwerke für die Unterschall-Luftfahrt; dann Turbinen-Staustrahl-Triebwerke, Staustrahltriebwerke und Feststoffraketen leiteten die Überschall-Luftfahrt ein. Er extemporierte weiter, dann kamen Flüssigkeitsraketen, wir stehen vor der thermischen Atomrakete, und schließlich wird auch die Photonenrakete, die logische Endstufe aller Raketenantriebe, kommen. Sie sei, wenngleich er ihr Erscheinen nicht mehr erleben werde, sein Hobby. Er ging bei der Durchdringung dieser Probleme bis an die physikalisch und technisch denkbaren Grenzen, wobei er aber niemals den Boden des Möglichen verließ. Die Photonentheorie wurde von seinen Gegnern als unwissenschaftlich verworfen. Der Internationalismus der Wissenschaft ließ ihn auch in seinem Stuttgarter Institut nicht ruhig werden. Ihm erschien Pflicht, die internationalen Beziehungen so mitgestalten zu helfen, daß sie dem Frieden dienen konnten. Auch er glaubte, nicht anders als Alfred Nobel mit seinem Dynamit, daß die beherrschte Raumfahrt Kriege in Zukunft unmöglich machen würde. Er sah, was unter günstigen Bedingungen durch Verbreitung des Wissens zu erreichen sein würde, und bedauerte, daß die politischen Leiter der Geschichte der Völker meist nur Techniker der Macht sind und die Macht der Techniker für die Gestaltung der Zukunft völlig verkennen.
Nie hätte Sänger geglaubt, ja auch nur entfernt zu ahnen gewagt, daß die Befolgung seiner Maximen ihn sein Stuttgarter Institut kosten würde.
VII. Berlin
Indessen war Eugen Sänger bei seinen Freunden nicht vergessen. Seine ehrenamtlichen Arbeiten, wie die Leitung der Abteilung Raumtransporter bei der neugegründeten europäischen Raumfahrtorganisation, gingen weiter, und schließlich erfüllte sich sein früher Jugendtraum. Er wurde zur Errichtung eines ersten europäischen Raumfahrtlehrstuhls nach Berlin berufen. Der Auftrag für die Ausarbeitung eines „Memorandum zur Raumfahrt in der Bundesrepublik“ durch den Bundespräsidenten folgte.
Im Februar 1964 schließt er einen Projektvorschlag über einen zweistufigen Raumtransporter für die Firma Junkers, einen Tag vor einem tödlichen zweiten Herzinfarkt, ab. Aus diesem Vorschlag entsteht der Junkers-Raumtransporter, der seinerseits Vorlage für den amerikanischen Shuttle wird und schließlich zum „Sänger“ Raumtransportkonzept der 90er Jahre führt.
Er mußte diesen Weg gehen und konzipierte mit seinem Buch „Raumfahrt - heute, morgen, übermorgen“ eine gute Unterlage für seine Vorlesungen, die er im Frühjahr 1963 nach seiner Berufung auf den Lehrstuhl Flugtechnik IV der Berliner Technischen Universität (Elemente der Raumfahrttechnik) aufnahm.
Eugen Sänger entwarf ein Bild, das vor ihm noch niemand, selbst im Traum nicht, sah oder erdenken konnte, - die Eindrücke im Auge des mit annähernder Lichtgeschwindigkeit durch den Raum fahrenden Weltraumreisenden: Flammende, das All ausfüllende Wirbel, wildeste Farben, Phantasmagorien unbekannter Schönheit, zeitlos und in unendlichen Weiten und Tiefen des Raumes nur gegenstandsloses unfaßbares Licht...
Ihm war es gegeben, durch seine Träume und durch seine Arbeit - geht nicht durch das Leben jedes schöpferischen Menschen sein Zukunftstraum? - seine Gegenwart reif zu machen für die Aufgaben des Jahrtausends. Seinen Visionen folgte Realität, seine Irrtümer waren kein Aufenthalt in der Folge seiner Werke - sie waren Stufen, auf denen er aufwärts ging - aufwärts von der Erde und höher und höher...
Nach Quellen des Sänger-Archivs und mit besonderem Dank an Prof. Dr.-Ing. Edgar Rößger. © H.E. Sänger, Stuttgart, den 11. August 1998
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